Wie halten Sie es mit der Anthroposophie, Herr Eggert?

nerone: Wie halten sie es mit der Anthroposophie?

Michael Eggert: Ich lese und schreibe. Nicht ausschliesslich. Und ich schreibe meist eher für den „Rand“ der anthroposophischen Bewegung. So sakrale Beiträge interessieren mich nicht mehr, auch wenn ich das am Anfang auch gemacht habe. Ich schreibe lieber über Technik, Tod, Aktuelles, Markt, Politik und Kultur. „Grosse“ Aufträge, die monatelange Recherchen erfordern, mache ich nur noch selten. Es wird in diesem winzigen Markt auch selten etwas einbringen, kaum mehr jedenfalls als die Recherche kosten wird. Daher bin ich beim Bloggen gelandet, das zumindest vom Schreiben her nicht so viel Zeit verschlingt. Das kriegt man zwischen der sonstigen Arbeit eben hin. Ich verstehe mich jedenfalls eher im journalistischen Sinne- ich spekuliere nicht gern und ich drücke mich gern verständlich aus. Ich möchte auch nicht nur für einen schmalen Interessentenkreis in einem spezifischen Anthrospeech sprechen, das verarmt doch sehr, wenn man in der Szene und ihren Erwartungen aufgeht. Allerdings ist es, wenn man dazu neigt, sehr leicht. Man kann sich auf sehr interessante weise positionieren und sich Gehör und sogar eine Art Anhängerschaft verschaffen. Wo kriegt man das schon? Es gibt viele so kleine Kreise und Szenen, manche so strukturiert, manche auch ganz anders. Ich habe da selbst auch vieles erlebt, und es war oft spannend. Gerade die offiziellen Kreise hatten in meinen Augen oft etwas so altbackenes, dass es fast albern ist. Auch absolut hierarchisiert. In so einer Provinzstadt regiert dann oft eine Dame den Zweig und den Zugang zur „Klasse“. 2 oder 3 Andere assistieren ihr, meist in gegenseitigem geheimem Hass verbunden. Das ist wirklich vor kurzem jedenfalls noch so gewesen. Die dame ist manchmal weniger argumentationsfest, als dass sie von Zeit zu Zeit unzusammenhängend Steinerzitate ausstösst. Was sollen intelligente, aufgeklärte Menschen in solchen Systemen, die aus der Theosophie vorletzten Jahrhunderts entsprungen sind?

Wir haben keine richtig anthroposophische Freunde mehr, haben viele Beziehungen auch bewusst beendet. Ein paar gute Freunde aus der Waldorfzeit gibt es schon, und natürlich neue Kontakte übers Web, Publizieren, Mailen. Das trägt mich bis heute, was die soziale Beziehung zur anthroposophischen Szene betrifft.

nerone: Gibt es ein Leben ohne Anthroposophie?

M.E.: Aber ja. Freunde, Familie, Arbeit, das alles hat vordergründig nichts mit Anthroposophie zu tun. Der Lebensstil nicht, die Musik nicht, Literatur, usw. Es gibt da noch immer einen gewissen tradierten Stil (Seidentuch und Kristall auf dem Monitor-Bildschirm), aber der betrifft uns nun nicht. Hintergründig ist das anders. Ich spiele oft mit Denkmodellen aus der Anthroposophie Steiners, selbst mit Karmavorstellungen; darüber spreche ich aber nicht. Der praktische Umgang mit diesen Denkmodellen ist ja auch immer fragmentarisch, unbelegbar. Es sind dies die intimsten Beziehungen, der Kern, weil man in konkreten Aufgaben seine eigene, persönlich gewordene esoterische Theorie erprobt. Man kommt da selten sehr weit, wenn man ehrlich ist. Es bleibt immer vor einer „Rundung“, bleibt ein Anlauf und Sprung. Aber es lebt etwas in einem, es bewegt einen, und ab und zu lese ich auch konkret etwas bei Steiner nach. Da gibt es einige wenige Sachen, die ich immer wieder lese. Seltsamerweise fühle ich mich in gewisser weise auch ein wenig verantwortlich für die Anthroposophie. Man kann das anmassend finden, weil ich nicht einmal Mitglied bin, geschweige denn ein irgend wie Beauftragter. Aber ich möchte etwas dazu beitragen, die Vergangenheit (auch die während des Nationalsozialismus) kritisch anzuschauen. Ich finde das als gesund für eine Interessengemeinschaft. Sebastian schrieb mal, ich sei eine Art Hausmann, der den Müll herunterträgt. Das stimmt. Wenigstens ab und zu und ohne Scheuklappen.

nerone: Von Außen betrachtet und auf den ersten Blick wirkt die Mystifizierung Rudolf Steiners befremdlich -sie gehen auf ihrem Blog damit humorvoll um. Kommt man der Anthroposophie nur etwas näher, schient es als sei Steiner so etwas wie der Blindenhund für Erkenntnissuchende auf dem Weg zur Erleuchtung und seine Anhänger, nun ja: Blinde. Sie wirken so als könnten sie nicht aus eigener Kraft Erkenntnis gewinnen, wohl aber und scheinbar ausschließlich dank Steiner: Ist das tatsächlich der einzige Weg zur Erleuchtung?

M.E: Mein Standpunkt ist der, dass außer Sex, Geld und Macht als treibenden Kräften auch die „Sinngebung“ nicht vergessen werden sollte. Es gibt diesen Hunger nach Sinn, ganz existentiell. Einen solchen Halt kann man auch in der Anthroposophie suchen und finden. Man ist dann korrumpiert und blendet das, was nicht passend erscheint, heraus. Man beschäftigt sich immer selbstbezüglich mit seinesgleichen. Und nimmt den Steiner als Bestätigungsmittel. Natürlich ist das eine Zweckentfremdung von Anthroposophie- existentiell benötigte Gläubigkeit lässt keine Distanz mehr zu. Ansonsten findet man in Steiner – bei der Fülle des Werks- schon immer etwas, was einem egal was es ist, schon passend erscheinen kann. Mit Steiner kann man alles mögliche machen. Sogar antisemitische und radikale Propaganda. In Wahrheit war Steiner schon ein widersprüchlicher Mensch, einer, der sich Anhänger schuf, die er gleichzeitig verspottete: „Wenn ich heute im Regen auf dem Hügel Gummistiefel trage, dann trägt sie morgen ganz Dornach“. Er sprach von den „Anthropotanten“.

Es gibt heute schon viele Stimmen, die Steiner auf engagierte oder auch nur intelligente Weise rezipieren. Die dm-Kette macht das doch makellos.

nerone: Läuft die Anthroposophie nicht Gefahr in einer Nischen zu verharren, auf Grund ihrer Komplexität (in Bezug natürlich auf Steiners Werk) und Sperrigkeit? Immerhin wird scheinbar öfter auf Steiner verwiesen, als auf aktuelle Ansätze oder Neuerungen in der anthroposophischen Bewegung, wie es scheint. Innerhalb der Bewegung mag das Bild ja anders sein – ohne eine gewisse Nähe erfährt man davon aber nichts. Führt der ewige Blick zurück nicht zwangsläufig an den aktuellen Gesellschaftsbezügen vorbei?

M.E.: Im tiefen Inneren der Bewegung ist tiefe Ruhe und Andacht. Bewegung findet man in den Initiativen und an den Rändern. Die Art von Bewegung muss einem nicht gefallen. Es gibt Kreise, die den 11.9. leugnen bzw an eine Verschwörung der amerikanischen Regierung glauben. Es gibt alles Mögliche. Auch ausgesprochen unschöne Ecken. Gemeinsame Neuerungen sehe ich aber auch nicht. Höchstens eine technische: Die des Internet. Dadurch findet man Leute, die einem etwas sagen. Um noch Mal auf Deine Frage einzugehen: Die ganze Bewegung besteht aus Nischen. Das sieht nur von Außen geschlossen aus. Eine gewisse Szene ist das wohl auch.

nerone: Hat die Anthroposophie Antworten auf aktuelle Fragen? Wo würden sie diese verorten?

M.E.: Momentan tritt Anthroposophie in der Öffentlichkeit als Schule und als Hautcreme auf. Als erfolgreiche Drogeriekette. Für mich persönlich ist das relevant, was in meiner Arbeit und in meinem Leben daraus entsteht. Das sind halt meine persönlichen aktuellen Fragen. Anthroposophie ist da ein Teil zwischen Wissenschaft, Supervision und Selbstreflexion. Selbstverständlich hat die Anthroposophie einen zutiefst humanistischen Kern, der sich – wie schon die Nazi-Führung naserümpfend feststellte- polyglott und transnational versteht. Eine im übrigen auch naturliebende Bewegung, die das Leben auf diesem Planeten in jeder Facette wertschätzt. Eine innere Aussage, die den Einzelnen in seiner Würde anspricht und ihm Hilfen bietet, wenn er sich seiner Würde selbst nicht sicher ist. Und das ohne Pathos und ohne Forderung. Außerdem ist Anthroposophie Querdenken in Reinkultur. Zwischen der medialen Gleichschaltung erscheint Steiner schon sehr als intellektueller Anarchist. Man muss das selbst dann anerkennen, wenn man das, was er sagt, nicht für sich annehmen möchte. Man kann ihn durchaus nur als Querdenker annehmen.

nerone: Wie erklären sie sich die wiederkehrenden Vorwürfe gegen die Anthroposophie und Waldorfbewegung und ihrem geistigen Vater Rudolf Steiner?

M.E.: Die Behauptung, die geistigen Quellen des Nationalsozialismus seien auch anthroposophische gewesen, ist eine Lüge. Das kann man einfach in den Statements des NAZI-SD lesen, dass das nicht stimmt. Aber es gab ein paar trübe Elemente, selbstverständlich. Und es gab ressentimentgeladene Bemerkungen von Steiner selbst, die manche seiner Schüler zu Lehrwerken aufgepuscht haben, die diese Ressentiments zu rassistischen Elaboraten machten. Da muss man den Mist richtig auskehren. Das wird meiner Meinung nach nicht entschieden genug gemacht, jedenfalls nicht in Deutschland. Ansonsten ist das inzwischen so ein medialer Selbstläufer: Ab und zu muss der SPIEGEL oder MONITOR mal etwas Antianthroposophisches machen. Man findet auch immer was, wenn man ein wenig gräbt.

nerone: Warum gelingt es offensichtlich nicht mit den kritischen Inhalten in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien offen und kritisch umzugehen?

M.E.: Es wird ja doch besser. Meist wird schon schnell reagiert. Aber das ist meist tatsächlich ein Reflex auf innere oder äußere Angriffe- eine mediale Kompetenz, um dem vorzubauen und eine Art Lobbyarbeit zu machen, sehe ich nicht. Vielleicht sind die Grünen manchmal da zumindest Einflussgebiet. Sonst haben die Blogs in dieser Hinsicht doch eine kleine Aufgabe, ebenso wie die Internetpräsenz von Info3 oder Anthromedia. Daran, dass auch viele seltsame anthroposophische Blüten durchs Internet schweben, sieht man eben den dezentralen Ansatz der Bewegung. Zwar mag Dornach -in seinem höchsteigenen Stil- der Archivar und Bezugspunkt für Anthroposophie sein- das wahre Leben blüht aber doch an den Strassenrändern.

nerone sagt danke!

3 Antworten

  1. Das ist nur uninteressante Verleugnung für passiv Denkende.

  2. […] A-nrw-thropo-so-pf Mündungsmensch: Gronbach. Eingeweihte kenne ihn in der Anthroszene als Redakteur der Zeitschrift Info3. Als neuen Helden. Gronbach dürfte in etwa mein Alter haben. Ich habe einiges von ihm gelesen. Wahrscheinlich würden wir stundenlang an der Theke über Gott und die Welt diskutieren können. Zwar meißelt er Worte wie Beton auf seinem Blog und auch schon mal in seine Hausschrift, aber so sind sie, die Mündungsmenschen. Ich habe heute schon mal an anderer Stelle über ihn nachgedacht und bleibe bei meinem Urteil: Ich halte ihn für ein wenig naiv, eher emotional (intuitiv) gesteuert als intellektuell (ich erlaube mir dieses Urteil nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Mitgefühl). Seine Ansichten über Gurus, Spiritualität und die wichtigsten Philosophen unserer Zeit kann ich nicht teilen. Sein Engagement ist beeindruckend. An ihm kann nerone nicht vorbeigehen und ihn unbesehen in der Anthro-Ecke liegen lassen, gehört er doch sicherlich zu den aktuellen Anthroposophen, die über dem privaten Erkenntnisweg auch einen gesellschaftlichen Auftrag der Anthroposophie formulieren wollen. Eigentlich wäre Herr Gronbach ein Interview auf nerone wert. Direkt nach Herrn Eggert. […]

  3. […] Aus diesem Weltbild heraus leitet sich allerdings, […], noch eine in sich homogene Bewegung mit einer ausgesprochenen einheitlichen Stoßrichtung [hierzu: nerone fragt nach – Wie halten Sie es mit der Anthroposophie, Herr Eggert?]. Viel eher spiegelt sich in der vielfältigen Gruppen- und Nischenbildung innerhalb der Bewegung und an deren Rändern das Potential einer individualisierenden Idee. Ein Jeder kann gehen wohin er will. […]

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