kleiner versuch über die harmonie

Worum geht es eigentlich? Geht es um Friede, Freude, Eierkuchen? Ist allumfassende Harmonie ein lebenswertes Ziel? Oder setzt sie den Terror der Gleichmacherei vorraus? Der sich der Harmonie nicht unterordnen kann, Zweifel entdeckt, Widersprüche spürt – ist er verdammt sich „falsch“ zu fühlen, unfertig, nicht reif?

Ist Harmonie in einem gleichgschalteteten Milieu überhaupt möglich? Geht es nicht eher an solchen Orten verloren, die als Vorrasusetzung zur Harmonie eine Vereinheitlichung der Tradition, Kultur und des Denkens einfordern?

Ist Harmonie nicht viel eher der Zustand der Balance differenzierter Gemeinschaften, die in der Begegnung von Individuen hergestellt werden, sofern Toleranz und Gerechtigkeit den Akzent ihrer Kommunikation motiviert (siehe Willyam).

Letztlich denke ich, ist das Leben eine dauerhaft prekäre Situation. Man wandelt von einem Lebensgefühl zum anderen. Meist sind es Krisen die prägend wirken. Sie zeigen Optionen auf, eingefahrene Wege zu verlassen – das gilt im Übrigen auch für den Umgang mit Gemeinschaften, mit Menschen also – oder mit Regeln, die diese Gemeinschaften aufstellen. Ob Ergebnis oder Ursache, es ist der Konflikt, der weiter führt. Als Möglichkeit stellt sich vielleicht eine Zeit der Balance, der Harmonie ein – eine Garantie hierauf ist sicherlich nicht einzufordern.

Offensichtlich hänge ich einer dualen Aufassung von Prozessen an, die in einem Wechselspiel von Ursache und Wirkung Entwicklung begünstigt, bzw. überhaupt erst zulassen.

Keine Harmonie also ohne Disharmonie. Kann man so weit gehen zu Behaupten der Zustand der Unordnung, das Chaos, der Krieg, Kastrophen seien eine Bedingung für Entwicklung? Ist Differenz und Konflikt Bestandteil meines Menschenbildes? Bemesse ich diesem einen solch hohen Stellenwert bei und müsste man dann nicht konsequenter Weise denselben dann auch gutheißen? Jeder Krieg ein guter Krieg? – oder, etwas schwächer formuliert: notwendiges Übel!

Aber zurück zu den Milieus und der Differenz. Gemeinschaften, besonders solche aus einem esoterischen Kontext, zeichnen sich aus meiner Beobachtung dadurch aus, dass sie sich im Gegensatz zum common sense definieren, gepaart mit einem deutlich hervor tretenden Kulturpessimismus, abgewandt von aktuellen Entwicklungen und Trends. Das Milieu unterstreicht die Differenz zu ALLEN anderen Ideen oder vereinnahmt, kolonialisiert Ideen, soweit es möglich ist und schafft zum Teil durch haarsträubende postmoderne Klimmzüge Zeitgeistiges mit eigenen Traditionen zu verbinden.

Am Ende aber verharren sie in einer gesellschaftaskritischen Habachtstellung und stehen immer -mindestens- knapp außerhalb der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Kritik an der Gesellschaft führt nicht zu einer aktiven Rolle in der selben, sondern zu der Froderung an die Gesellschaft sie solle sich doch nur mal auf die Grundpfeiler der eigenen Philosophie zubewegen.

Sie folgen letztlich nicht der Idee einer offenen Gesellschaft, da sie für jeden Diskur Bedingungen stellen. Dabei geht es immer um die Frage aus welcher Perspektive man bereit sei sich auf den Diskurs mit dem eigenen Weltbild einzulassen. Hier entsteht für die Kommunikation ein ernsthaftes Problem. Denn man sieht sich mit der Forderung konfrontiert sich widerspruchslos auf Ideen einzulassen, bis man nicht die rechte Deutung auch noch erfahren hat. Und ehe man sich versieht ist aus einem Dialog ein Monolog geworden, man selbst zum zuhören verdammt.

Für Sinnsucher enthält diese Forderung ein gewisses Risiko. Zudem sind diese dieser oben beschriebenen Grundhaltung viel unmittelbarer ausgesetzt als ein Diskutant. Ihn trifft die volle Wucht des angeforderten Pespektivwechsels. Zudem geht es einher mit dem Anspruch an den Geistesschüler auf die eigene Individuation zu verzichten. Es gelte das Ego zu eliminieren, welches als störendes Element für das menschliche Sein ausgemacht wird. Als Lohn ist das wärmende Nest – ein beschränkter Horizont allen Denkens – schon bereitet. Der Rand des Nestes wird zum Stellvertreter der Instanz, die zuvor die als schmerzlich empfundene Differenz zu ist Allem darstellte. Ein angenehmer Effekt der Vogelperspektive, die Differenz wird überschaubar: Anders sind die Anderen, wir aber sind gleich.

Wahrscheinlich schützt sich jeder auf die eine oder andere Weise vor der Verlorenheit der Einsamkeit, des Alleinseins. Sich sich selber auszusetzen ist dabei die Herausforderung, der man ausweicht. Verschiedene Mittel erleichtern dies. Denken meiden. Oder Denken adaptieren sind sicherlich probate Mittel. Denken ist am Ende nämlich ein einsames Geschäft. Es ist die Wüste in der man dem Teufel begegnet, um es biblisch zu fassen.

Natürlich sind die o.a. Milieus Orte intellektuellen Austauschs. Sie bieten sich als solche ja auch an. Sie heben das Denken auf eine Ebene, die nur schwer erreichbar erscheint, angereichert von Emotionen, die jeder gern für sich beanspruchen will. Voraussetzung für diese Ebene des Denkens und Fühlens ist aber, wie ich schon weiter oben feststellte, der Verlust eines selbstbestimmten kritischen Geistes. Voraussetzung ist eine Programmierung, die einem ermöglicht in den vorgedachten Bahnen zu denken. Eigene Denkansätze müssen aufgegeben oder ins große Ganze integriert werden.

So oder ähnlich und erst mal bis hierher…

36 Antworten

  1. nein, lieber willyam.

    einfach arbeit. ich werde außerdem die argumente noch mal lesen müssen. sie breiten sich ja aus. wenn es etwas komplexer ist, muss ich die diskussionen mit mir selbst weiterführen. abgesehen davon scheinen die standpunkte ja klar… ich würde mich als nächstes interessieren wo die mitte ist.

  2. Na, und nu? Einfach Abbruch?

  3. Gregor (entschuldige bitte, dass ich Dich weiter oben noch mit Georg angesprochen habe …),

    zur Objektivitätsfrage: Deine Fragen haben mich eine „alte“ Hausarbeit zu Max Weber aus meinem Regal kramen lassen. Den guten Mann zähle ich zu meinen zwei Handvoll Helden; einer meiner Dozenten hatte im Seminar (und meiner Meinung nach völlig zurecht) damit provoziert, wir seien erkenntnistheoretisch auch heute noch nicht viel weiter als er.

    Der gute Max Weber schrieb also: „Wenn wir von dem Historiker […] als elementare Voraussetzungen verlangen, daß er Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden könne, und daß er für diese Unterscheidung die erforderlichen „Gesichtspunkte“ habe, so heißt das lediglich, daß er verstehen müsse, die Vorgänge der Wirklichkeit – bewußt oder unbewußt – auf „universelle“ Kulturwerte zu beziehen und danach die Zusammenhänge herausheben, welche für uns bedeutsam sind. Wenn immer wieder die Meinung auftritt, jene Gesichtspunkte könnten dem „Stoff selbst entnommen“ werden, so entspringt das der naiven Selbsttäuschung des Fachgelehrten, der nicht beachtet, daß er von vornherein kraft der Wertideen, mit denen er unbewußt an den Stoff herangegangen ist, aus einer absoluten Unendlichkeit einen winzigen Bestandteil als das herausgehoben hat, auf dessen Betrachtung es ihm allein ankommt (58).“

    Nun muss diese eingestandene Subjektivität methodisch eingefasst werden. Wenn, wie Weber also verkündet, „keine schlechthin ‚objektive’ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens […] unabhängig von speziellen und ‚einseitigen’ Gesichtspunkten, nach denen sie – ausdrücklich oder stillschweigend, bewußt oder unbewußt – als Forschungsobjekt ausgewählt, analysiert und darstellend gegliedert werden […] (43)“,
    möglich ist – wie will der Forscher jemals Position beziehen, sich jemals in die Lage versetzt sehen, Kritik zu üben? Wie will er die Subjektivität seines Interesses zumindest soweit überwinden, um das Recht zu erhalten, eine seiner Arbeit gegenläufige Auffassung kritisieren zu können?

    Die verengte Perspektive eines jeden Erkenntnisinteresses birgt die Antwort auf diese Frage bereits in sich und klärt den Widerspruch als vermeintlich. Zwar macht einerseits die Subjektivität des Interesses und des individuellen Willens gewiss jede Arbeit anfechtbar. Andererseits ist es aber gerade die Einsicht in die Unmöglichkeit der vollständigen Selbsthinterfragung und Selbstaufklärung, die Nachhilfe von Außen geradezu erfordert und nach einer Kritik aus fremder Perspektive verlangt: „Jede sinnvolle Wertung fremden Wollens“, schreibt Weber, „kann nur Kritik aus einer eigenen ‚Weltanschuung’ [sic] heraus, Bekämpfung des fremden Ideals vom Boden eines eigenen Ideals aus sein“ (25). Indem sich Kritisierende und Kritisierte zugleich also Einsicht in und Aufschluss über ihre jeweiligen subjektiven Standpunkte und Wertideen bieten, stecken sie den Streitrahmen ab, den ich (hoffentlich) in meinen vorherigen Kommentaren angedeutet habe.

    Schlussfolgernd also kann ich Deine Worte verallgemeinern: Jeder Äusserung einer […] Person haftet schon ein implizites Vor-Urteil (jetzt nicht wertend gemeint) an.

    Deine Frage, ob der Armutsforscher über ARMUT reden WILL – oder nur gewisse Strukturen und deren sozialen “Sprengstoff” aufzeigen möchte, löst sich für mich von selbst: wenn er ehrlich ist, wird er aufzeigen, woran im gelegen ist. Tut er dies aber nicht, soll heißen: beansprucht er für sich, ontologisch-missionarisch Recht zu haben … nun: ohne Bereitschaft zur Selbsthinterfragung, zum respektvollen Dialog keine Erkenntnis, keine Veränderung der Gegebenheiten, denke ich.

    Max Weber, Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, Schutterwald (Baden): Wissenschaftlicher Verlag, 1995 [1904].

  4. Hallo Marco,

    was ich großartig finde, möchte ich ganz gerne selber entscheiden. Bitte um Verständnis. Danke!

    Zum Verständnis: Ich habe dich ursprünglich auf „DEN Satz“ aufmerksam gemacht, weil ich dachte: „Bei allem Streit mit Marco … aber so sollte er sich nicht im internet präsentieren …“ (war freundlich gemeint)

    Sebastian Gronbach, Ex-Waldorfschüler, interessiert niemanden mehr …

    Mal schauen, was aus den aktuellen Waldorfschülern wird, das könnte dich dann schon interessieren, oder?

  5. @andreas

    ehrlich mal: GRONBACH interessiert in diesem strang niemanden mehr. ich bin ganz zufrieden wie der text als anregung angenommen wurde das thema zu variieren. auch gut, dass die kontroverse, die du aufgenommen hast, sich entwickelt. denn meine aussage zum „guten krieg“ enthielt sicherlich die provokation eines gedankens, einer idee, die wenn man sie zuende denkt nicht um diese betrachtung herum kommt. wo bitte habe ich geschrieben, dass mir dieser gedanke gefällt? ich sehe keine notwendigkeit das zu korrigieren. das geschieht doch gerade hier.

    willyams these bleibt kontrovers. aber es ist ein sehr direktes statement. seine schreibe IST ganz großartig! und keuschnig ist der richtige den „fehdehandschuh“ aufzunehmen. Ich freue mich über diese gäste.

    übrigens: die links werden nicht zwangsläufig durchgelassen – sie werden automatisch geblockt. auf sie zu verzichten wäre eine möglichkeit.

  6. @willyam
    Interessante Antwort. Ich habe neulich ein Buch gelesen, in dem der Autor über die Medienstrategie der RAF (vor allem in den 70er Jahren) schrieb. Er war selber 1968 geboren und ziemlich am Anfang bemerkte er, dass er die Tatsache, die genauen Umstände seinerzeit gar nicht direkt erlebt zu haben, als eine Art Befreiung (meine, vielleicht etwas pathetische Formulierung) empfand. Die These, die dahinter schimmerte, lautet: Jede Äusserung einer in dieser Zeit involvierten Person haftet schon ein implizites Vor-Urteil (jetzt nicht wertend gemeint) an. Die „neutrale“, von mir aus auch „objektive“ Betrachtung kann dann nicht oder nur eingeschränkt vorgenommen werden.

    Um konkret zu werden: Deinem Diktum nach wäre ein Buch über den Dreissigjährigen Krieg oder auch nur über den Ersten Weltkrieg von einem Historiker heute nicht mehr möglich. Er hat DIESE Konstellation so nie erleben können. Wenn er „Pech“ hat, hat er noch nie Krieg erlebt (das ist jetzt natürlich polemisch). Was würde daraus folgen?

    Ein Armutsforscher, der 5000 Euro im Monat brutto (oder sogar netto?) verdient, kann demnach nicht über Armut reden? Die Frage ist, ob er über ARMUT reden WILL – oder nur gewisse Strukturen und deren sozialen „Sprengstoff“ aufzeigen möchte. Ich weiss nicht, ob der zitierte Butterwegge dieser nervöse Mensch bei „Anne Will“ war, der reichlich missionarisch agierte. Solche Leute sind mir zwar immer suspekt, aber ihnen primär die Urteilskraft abzusprechen, ist kühn. (Ähnliches gilt für Münkler; obwohl auch hier bin ich kein Verfechter seiner Thesen).

    An einer Objektivität der Bilder dagegen halten nur Realitätsverweigerer fest, die damit ihre Unfähigkeit unterstreichen, aus der Geschichte lernen zu wollen.
    Welche Objektivität (von Bildern) ist denn gemeint? Und, interessanter: Wie kann aus Geschichte gelernt werden, wenn es letztlich keine Objektivität gibt? Ist es nicht Aufgabe beispielsweise von Historikern aus subjektiven Bildern eine – mindestens theoretisch mögliche, wenn auch nie 100% erzielbare – Objektivität zu beschreiben?

  7. Na, „ganz großartig“ finde ich das nicht …

    „Nein – das subjektive Bild ist das einzige Bild.“

    Was kommt dabei heraus? Das?:

    „Haustiere erwarten ihr Futter, wenn sie die Person sehen, die sie regelmäßig füttert. Wir alle wissen, daß diese ziemlich groben Erwartungen einer Gleichförmigkeit leicht in die Irre führen. Der Mann, der das Huhn tagtäglich gefüttert hat, dreht ihm zu guter Letzt das Genick um und beweist damit, daß es für das Huhn nützlicher gewesen wäre, wenn es sich etwas subtilere Meinungen über die Gleichförmigkeit der Natur gebildet hätte.“

    mmh, hier fällt mir Gronbach und seine Hühner ein …

    Der füttert doch nur mit dem, was gerade seine Lieblingsspeise ist:

    mal „Harmonie“, mal „Krieg“, Zitat Gronbach:

    „Ein sauberer Krieg ist ein Krieg, der frei ist von unbewusster Energie. Ein Krieg der bewussten Energie also. (…) Krieg ist insofern eine Metapher für absolutes und vorbildhaftes Engagement für eine Sache, die aus einer Person kommt, aber größer als Zeit und Raum von Personen ist. Man setzt sich für eine Sache ein. Man ist als Krieger sein eigener Einsatz. (…) Andererseits ist Krieg keine Metapher, sondern die zeitlose Antwort des Heroismus. Heroismus wurde krank gespöttelt und todgesagt und ist doch unsterblich. (…) Gibt es den Erzengel Michael? Es gibt ihn immer dann, wenn wir uns für Heroismus des Lichts entscheiden. Unsere Entscheidungen machen aus uns, was wir sind. Zum Beispiel ein Erzengel.“

    siehe: http://anthronrw.blogspot.com/2007/10/mythos-michael-wirklichkeit-heroismus.html

    Schon allein deshalb hatte ich Marco gebeten, seinen unsäglichen Satz “Jeder Krieg ein guter Krieg? – oder, etwas schwächer formuliert: notwendiges Übel!” zu streichen.

    Nichts ist passiert.

  8. Ganz großartig!

  9. Als kurze Ergänzung nochmal hinterher, auch wenn es verpönt ist, Eigenwerbung zu fahren: Vielleicht dient es ja dem Verständnis

  10. @ Regina: Die unersetzbare Hilfe, die ein Arzt oder Geburtshelfer leistet, beruht auf einer Form des Wissens, die ich um des Arguments Willen „naturwissenschaftlich“ nennen will: Es ist, zu gewissem Grad zumindest, quantifizierbares Wissen. Die unentbehrliche Rückkoppelung an Theorie und Diskussion dient eher dem Ausräumen menschlichen Ungenügens.

    Dass ich, wie Gregor zurecht bemerkt hat, so „streng“ auf eine unauflösliche Beziehung zwischen Erlebnis und Beurteilung beharre, liegt vermutlich an meinem Studium: postkoloniale Studien befassen sich maßgeblich mit dem „Erlebnis“ der Diskriminierung, der Unterdrückung und Ausbeutung, die in der Vergangenheit und bis in die Gegenwart hinein von „westlicher“ Seite als wohlgemeinte Modernisierung interpretiert und gerechtfertigt wird.

    Mir geht es in vielen Diskussionen daher wohl oft um Autoritätsfragen, um Interpretationshoheiten: Insbesondere weil sehr viel koloniales Leid kein „postkoloniales“ Leid ist: Es hält an, es wird weiterhin anhalten. Zynisch und in das Vokabular neoimperialer Theorien gefasst, kann ich immer wieder nur darauf hinweisen, dass sich für viele Menschen nur die Institutionen, aber nicht ihre Umstände geändert haben: Die Leerstellen korrumpierter Kolonialregierungen haben despotische „postkoloniale“ Regierungen übernommen (sie wurden dabei unterstützt, sie zu übernehmen); die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mutterland wurde durch einen liberalen Weltmarkt ersetzt, der für viele kaum offener etc. etc.

    Das alles lässt sich zweifellos differenzierterer festhalten. Das allerdings darf nicht darüber hinweg täuschen: Jedes in Worte Fassen ist riskant, zusammenfassend und eine Verzerrung dessen, das man zu erklären, also anderen zugänglich zu machen versucht – weil man sich der Vokabeln zu bedienen versucht, die der andere teilt, aber mit anderen Erfahrungen be-deutet und deshalb niemals ganz „versteht“. Es bleibt immer bei diesem Kommunikatiosmangel, dem Risiko des Fehl- oder Mißverständnisses, das – wenn denn jemals – allein durch ähnliche Erfahrung ausgeräumt werden kann.

    Daher meine grundlegende Position: Interesse (im Sinne einer pragmatischen Annäherung) ersetzt kein Wissen (im Sinne einer Erfahrung). Wage, zu wissen – aber wage auch, anderen deine Grenzen aufzuzeigen.

    Das ist die entscheidende Einschränkung, der ich mir jederzeit bewusst bleiben muss und von der ich erwarte, dass sie jedem „anständigen“ Wissenschaftler, jedem Demokraten bewusst ist. Nerones Interpretation, fachlich-theoretische Autorität sollte neben sich eine faktische zulassen, würde ich daher immer wieder zuspitzen: Was weiß ein Dozent wie Herfried Münkler über die Realität „demokratischer Kriege“? Was weiß ein Armutsforscher wie Herr Butterwegge als Gast bei Anne Will über Armut? Woher weiß er, wie es sich in Deutschland anfühlt, arm zu sein? Weil er belesen ist? Woher weiß die Weltbank, wie man ein funktionierendes Weltwirtschaftssystem aufbaut? Wer sich auch nur ansatzweise mit modernisierungstheoretischen Manifesten befasst, bekommt (leider!) sehr schnell ein Bild für die Realität, wie sie sich in den Augen der Ökonomen und Politikberater der Weltbank ausgestaltet: W.W. Rostows universalistische Ableitung der Stadien Wirtschaftlichen Wachstums aus der europäischen Wirtschaftsgeschichte (1960) versteht sich im Kern als easy-to-follow Fünf-Stufen-Plan zur Überführung „traditionaler“ Gesellschaften in das (natürlich „moderne“) Zeitalter des (natürlich kapitalistischen) Massenkonsums. Nun gut, das mag 1960 gewesen sein, wird man einwenden. Nur argumentiert aber Thomas Friedman auch nicht viel differenzierter, wenn er jubelnd glauben machen möchte, wie flach die Welt ist („The World is flat!“).

    Daher gilt meine Ermahnung gerade auch für Geisteswissenschaftler: Zumindest wenn sie über historische Phänomene schreiben, deren Auswirkungen auf uns, auf unsere Gegenwart spürbar sind: Ich weiß nicht, wie „traumatisiert“ sich ein junger Isreali meines Alters (also 27jährig) durch die Erfahrungen seiner Familie im 2. WK fühlt. Ich weiß nicht, wie es sich für einen Kenianer anfühlt, aufgrund der eigenen ethnischen Herkunft diskrimiert zu werden. Ich kann nicht annähernd ermessen, welches Unrecht IHM geschieht: Ich teile seine Erfahrung nicht, trotz Zugriff auf die Berliner Universitäts- und Staatsbibliotheken. Und mein Respekt vor ihm, vor seiner Erfahrung, vor seiner Realität gebietet mir, diese Erfarhung meiner Einschätzung voranzustellen und mich seiner Erfahrung anerkennend unterzuordnen. Wie missbilligend wäre ich, erklärte ich ihm, seine Welt könne vergleichend mit x und y unter dem Phänomen „?“ zusammengefasst werden?

    Wenn Georg also fragt: Ist nicht gerade Zeitzeugenschaft und Erfahrung oft genug ein HINDERNIS in der objektiven Bewertung historischer Prozesse, weil schon immer ein subjektives, nicht objektivierbares Bild “mitgeliefert” wird?, antworte ich entschieden: Nein – das subjektive Bild ist das einzige Bild. Mehr noch: das subjektive Bild ist das einzig gerechte Bild. An einer Objektivität der Bilder dagegen halten nur Realitätsverweigerer fest, die damit ihre Unfähigkeit unterstreichen, aus der Geschichte lernen zu wollen …

    Hart genug, Nerone?🙂

  11. Ich denke, bald wird es nötig den Versuch zu verlassen und an harte Begriffsklärungen anzuknüpfen. Ich mache das mal zwischendurch, indem ich wikipedia befrage:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Harmonie
    http://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4t

    Meine Philo-Werkzeuge sind schon im Karton…

  12. Nicht nur für Sinnsucher ist es im Zweifel schwierig, von der Wucht des Gegenarguments getroffen zu werden, wobei zu definieren wäre, was ein „Argument“ eigentlich ist. Aber ich glaube, darum geht es hier nicht primär.

    willyams Diktum Was man nicht selbst erlebt hat, kann man / darf man letztendendes nicht beurteilen. ist mir jedoch zu streng. Ein bisschen erinnert es an die geschichtsrevisionistischen versuche der 50er und 60er Jahre, die der Jugend in Ermangelung der Erfahrung des Lebens in einer Diktatur die Kritik daran absprechen wollte. Ich weiss, dass das nicht SO gemeint ist. Es kann aber ganz schnell in diese Richtung ausgelegt werden.

    Tatsächlich haben die Weltkriege des 20. Jahrhunderts für lange Zeit eine intellektuelle Begründung für „Krieg“ verunmöglicht. Nur in einigen Zellen regte sich noch Widerstand – der prominenteste war dann (fast) noch Ernst Jünger, der seine kruden Heldenphantasien nie ganz aufgegeben hat und den Darwinismus im „Kampf“ ausgelebt wissen wollte. Der Neokonservatismus hat am Ende des 20. /Anfang des 21. Jahrhunderts tatsächlich wieder den Krieg als Möglichkeit der Politik „entdeckt“; die Kaschierungen des „Verteidigunsgkrieges“ waren nicht mehr notwendig – man betrieb offensives Kriegsmarketing.

    Die Krux in willyams Argument liegt auf der Hand: Wer nicht dabei war, weiss nichts davon. Empathie reicht nicht aus. Das mag für „Handwerker“ wie Ärzte vielleicht gelten, aber Geisteswissenschaftler? Muss ich mit der Hellebarde losgezogen sein, um den 30jährigen Krieg kommentieren und/oder rubrizieren zu können? Ist nicht gerade Zeitzeugenschaft und Erfahrung oft genug ein HINDERNIS in der objektiven Bewertung historischer Prozesse, weil schon immer ein subjektives, nicht objektivierbares Bild „mitgeliefert“ wird? Muss ich, um Lessing zu paraphrasieren, Koch sein und festzustellen, dass die Suppe versalzen ist?

    Die Frage hinter willyams Diktum ist aber sehr interessiert: Welche Kompetenz bekommt ein Argument eines mit wenig Erfahrung ausgestatteten Friedensforschers (um dieses Beispiel aufzunehmen)? Reicht eine rein theoretische Ausbildung (= Lektüre möglichst vieler Schriften) aus? Wodurch BEGRÜNDET sich die Autorität?

  13. „ein Musikfan sagt dir, dass Musik von Spannung lebt … die irgendwann aufgelöst wird (manchmal auch nicht).“

    Spannung ist ein Teil der Harmonie, der andere ist Wohlklang.

    Das Gegenteil von Harmonie ist nicht Spannung, sondern Zerstörung, Negation des Lebens, Negation der Welt.

  14. Im Grunde verstehe ich Wylliam so: Fachlich-theoretische Autorität sollte neben sich eine faktische zulassen. Es ist diese Diskrepanz, die ich aus seinem Plädoyer heraus lese.

    Aber geleiten wir im Thema nicht gerade ein wenig ab? Im Grunde ging es mir ja um die Kultur eines selbstbewussten Denken und Handelns. Ein von jedem Harmoniestreben befreiten Agierens, weil Harmonie in meinen Augen die falsche Tugend ist.

    Ich stehe da Wylliam näher, der es nicht lassen kann Empathie einzufordern. Den Erfahrungswert des Gesprächpartners gelten lassen, hieße das dann. Aber ist Empathie eine Tugend? Jedenfalls ist es ein gutes MIttel den Blick Dingen zu zuwenden, die im Verborgenen blieben, versuchte man nur aus einer analytischen Betrachtung heraus in Kommunikation zu treten.

    oder so…

  15. Andererseits, liebe Regina, muss ein Bäcker kein Brötchen sein… aber lassen wir das😉

    Ein spannender Aspekt der Harmonie, den Wylliam da andeutet: diese als Pragmatismus, bzw in einen „erklärenden Kontext der Wissenschaftlichkeit“ hinein zu stellen und das wiederum als Erklärungsmuster für die Disharmonie durch ahnungslose Diskutanten zu brandmarken. Ich bin noch nicht sicher wohn mich das gedanklich führt… Ich bin auch nicht sicher ob ich dem folgen kann!

  16. @ willyam
    Gerade der Arzt muss umfangreiches theoretisches Wissen erwerben, um handlungsfähig zu werden. Das Handeln, die Therapie muss ständig überwacht werden: einmal durch Selbstreflexion bezüglich des eigenen Tun inbezug auf einen bestimmten Patienten, dann durch ständige Fortbildungen, selbstständig in Fachzteitschriften und andererseits durch kritische Diskussion mit Kollegen (med.Freunde, Seminare, Kongresse) um Erfahrung und theoretisches Wissen zu überprüfen und ständig zu erweitern. Es sind also komplexe Vorgänge erforderlich um handlungskompetent zu werden und zu bleiben. Und: der männliche geburtshelfende Gynäkologe kennt eine Geburt und ihre möglichen Gefahren durch theoretisches Wissen und praktische Erfahrung als Geburtshelfer ohne je selbst eine Geburt durchmachen zu können, ist er absolout 100% handlungskompetent. Kann er seinen Patientinnen auch Empathie entgegenbringen, wird er als menschlich und verständnisvoll erlebt. – Jemanden den Mund verbieten wollen, ist Diktatur. – Die Welt ist komplex und nicht nur über einseitige individuelle Erfahrung begreifbar. Ich erinnere noch an ein altes Buch, (in Ägypten sicher nicht angesehen) : Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

  17. Es geht mir allein um ein Plädoyer für das Ablegen dieses auf welchen Wegen auch immer gerechtfertigten „Empfehlungsdenkens“; darum, dass man Menschen, die sich mit etwas befassen, keine unbedingte Autorität zuspricht, weil sie sich mit einem Thema befassen, sprich: weil sie fachliche Autoritäten sind.

    Mein Anliegen versucht also, wenn Du möchtest, zweierlei zurechtzubiegen. Zunächst ist es Aufruf einer Entdemokratisierung: Nur, weil die/der ein oder andere die eigene Meinung äußern darf, heißt das nicht, dass sie oder er es auch sollte – denn Interesse (im Sinne einer pragmatischen Annäherung) ersetzt kein Wissen (im Sinne einer Erfahrung).
    Gleichzeitig aber ist es Aufruf zur einer weiteren Demokratisierung: aus dem ganz einfachen Grunde, dass ich mit dieser bockigen Haltung, die Du mir zum Vorwurf machen könntest, wenn Du wolltest, etablierte, diskursive Strukturen hinterfrage.

    Ich will den Friedensforschern also nicht ihr Recht auf Arbeit absprechen, sondern sie zu mehr Zurückhaltung mahnen: Nicht alles ist wissbar.

  18. Na ja, aber was sollen all die Friedensforscher denn machen, sollen sie etwas nicht arbeiten? Es muß sie doch geben. Ich bin froh, dass der Krieg nicht ihre Sache ist und sie sich doch damit befassen.

    Meinem Mitbewohner kann ich auch wünschen gemeinsam mit mir den Weg des Dialogs zu gehen.

  19. Die Alltagstätigkeit eines Arztes ist nicht (oder nicht: in vergleichbarem Grade) selbstreflexiv. Seine Ausbildung ist auf die Praxis ausgelegt. Er eignet sich seine Fähigkeiten in der Praxis (im doppelten Sinne) an: Seine Fähigkeit ist die Praxis, das Praktische. Er erwirbt seine Kompetenzen nicht in kritischer Diskussion.

    Den Erfahrungshintergrund erwirbt man sich indem man ihn durchlebt – und das möglichst während die aktuelle Diskussion läuft.
    Wie verstehst Du das? Auf die kleine Variante projiziert, stimme ich Dir zu: Einen Streit mit meiner Mitbewohnerin kann ich auf zwei parallelen Ebenen führen. Was aber, wenn der Konflikt keinen Dialog, keine Diskussion zulässt? Dieser Umstand ist in kriegerischen Auseinandersetzungen der Regelfall, will ich meinen. Eine der Perversionen, die wir dank globalisierender Vereinnahmungen immer wieder beobachten können, ist also die, dass Friedens- und Konfliktforscher in den Medien die Hintergründe und Motivationen nachzuvollziehen versuchen OHNE von „ihrer“ Sache (die nicht die ihre ist) zu „wissen“, obwohl ihnen der Erlebnishintergrund, oder in meinen Worten: die Empathie, die Autorität, fehlt.

    Zynisch ist also, dass die Disharmonie, über die gesprochen und geurteilt wird, durch fehlende Erfahrung der Diskutanten in einen vollkommen anderen Kontext eingebettet wird: den „harmonischen“, weil erklärenden Kontext der Wissenschaft(lichkeit).

  20. Lieber Willyam,

    deine Argumentation kommt mir nicht richtig vor, nur auf den vordergründigen Nutzen gerichtet. Ich muß an all die Operationen denken, die angeblich „nur von erfahrenen Ärzten“ durchgeführt werden. Schön, gut, wo haben die ihre Erfahrungen gemacht? Irgendwann ist es für jeden das erste Mal, irgendwo sammelt jeder seine Erfahrungen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Simulationen oder das live Erlebnis. Den Erfahrungshintergrund erwirbt man sich indem man ihn durchlebt – und das möglichst während die aktuelle Diskussion läuft.

  21. @ Annette, Barbara: Na, ich weiß nicht … der Idee, durch eine kontroverse Diskussion Handlungskompetenz zu erwerben, wie ihr sie lobt, stehe ich inzwischen etwas kritischer gegenüber. Sicherlich kann man kritisch diskutieren, aber letzlich ist eine Diskussion über erlebte Disharmonie (sprich, im Extremfall: Krieg) ohne Belang, solange man nicht am Erlebten teilhat. Es geht, oder sollte, mit anderen Worten, immer darum gehen, selbst zu „wissen“, wovon man spricht. Was nutzen mir die Einsichten eines Armutsforschers, der finanzieller Ausgrenzung nur mittelbar begegnet ist, z.B. durch Feldforschung? Was nutzt mir ein studierter Fachdidaktiker, der noch nie vor einer Klasse gestanden hat? Solche Fragen lassen sich en masse stellen – ihre Antwort ist jeweils dieselbe: Ohne Erfahrungshintergrund keine Autorität. Auf den Punkt, auf eine Formel gebracht: Empathie steht Pragmatik gegenüber; angeeignete Kompetenz muss sich erlebter Kompetenz stellen.

  22. Hallo Robert,

    „frag mal bei den Musikfans nach …“

    ein Musikfan sagt dir, dass Musik von Spannung lebt … die irgendwann aufgelöst wird (manchmal auch nicht).

    Anders sieht´s z.B. bei der „Pentatonik“ aus: da ist es ziemlich egal, welche Töne du kombinierst … es klingt immer irgendwie „harmonisch“ und fürchterlich langweilig. Schlaflied Euphemismus.

    „Pentatonik“ produziert man in der Waldorfschule auf der „Kantele“.

    Sowas durfte ich im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“ produzieren, bis ich mich entschloss, kein Klassenlehrer zu werden:

    Das geht ja mal gar nicht!

  23. „Der sich der Harmonie nicht unterordnen kann, Zweifel entdeckt, Widersprüche spürt – ist er verdammt sich “falsch” zu fühlen, unfertig, nicht reif?“

    Dann isses wohl keine Harmonie, oder?

    Im übrigen ist Harmonie sehr wichtig für die menschliche Seele und wird überall gesucht.
    Frag mal bei den Musikfans nach.

    Schöne Grüße und ganz viel Harmonie
    (die ohne Terror natürlich, letztendlich: Deine Harmonie)
    Robert

  24. Oh wie schön! Nerone hat wieder Freude am Bloggen! Na, warscheinlich hast du mich gepokt damit ich noch eine weitere Perspektive einbringe! Mir gefällt Barbaras Idee, durch eine kontroverse Diskussion Handlungskompetenz zu erwerben, und dann im praktischen Leben anzuwenden bzw. zu sehen, wie es weitergeht.

    Um einen Bezug herzustellen zu nerone, Gemeinschaft unterstützt und fördert doch die Individuation, eine schöne schwere Aufgabe, aber das über das eigene Ich hinausdenkende Element besteht ja nun gerade darin, an sich selbst und für die anderen zu arbeiten. Wer meint, dafür sei keine Balance nötig, Frieden und so, der soll es nur einmal selbst versuchen… Aber letztlich kann jeder Weg zum Empfinden des Einsseins mit dem Kosmos führen, zum Glück ist das so eingerichtet!

  25. Hallo willyam,

    gut, das zu wissen. Jetzt ist alles klar … zumindest, was den „gerechten Krieg“ angeht. Danke für den bodenständigen Kommentar!

  26. Andreas,

    ich bin als Kind in Ägypten aufgewachsen. Ich habe sieben Jahre lang Armut und Reichtum in krassesten Gegenüberstellungen sehen „dürfen“. Mein Kommentar wollte daher eigentlich einen gewissen Zynismus erkennen lassen: Wer an einen „demokratischen“ Krieg glaubt, oder sich grundsätzlich überhaupt auf eine Charakterisierung kriegerischer Handlungen als „demokratisch“ stützt, ist nichtr nur kein Mensch – oder vorsichtiger vielleicht: ein Mensch ohne annähernde Ahnung von der Sache, die er vermeintlich vertritt, sondern auch kein Demokrat. Daher doch mein Vorbehalt: ohne Empathie ist jedes Nachdenken über die Welt „weltfremd“.

  27. Hallo Willyam,

    mit Genuss habe ich deinen Beitrag zweimal lesen müssen.

    Warum Gronbach und Co in die intellektuelle Ecke stellen? Nun, ich habe das nicht wertend gemeint. In der Weise, wie die Argumentationen ausgelegt werden erscheint mir die Anstrengung mit zunächst Widerstände aufgebaut werden um dann den Weg aufzuzeigen diese zu Überwinden, die Forderung das eigene Selbst auf ein unbestimmtes Ganzes hin zu überprüfen, der Wille Emotionen zu „verstehen“ (oder besser: zu interpretieren) und schließlich zu kontrollieren – das alles verlangt eine intellektuelle Auseinandersetzen. Es ist nicht so, dass dort wo Glauben (oder: Spiritualität) beginnt, Intellekt aufhört. Die Anthroposophen kleiden dies in den Begriff „Herzdenken“.

    Der Harmoniebegriff der angesetzt wird ist hierbei ein Werkzeug dessen, was du so treffend aus Rosa Luxenburg Zitat ableitest. Und am verlauf des verlinkten Kommentarstrangs ist dies ablesbar, wie ich finde. Für mich war dies der Anlass Grobach einen Artikel zu widmen, wie Andreas das ausdrückte. Gronbach schafft ein Wirklichkeit die mir nicht behagt. Sie gehört kommentiert, finde ich. Ich wollte ihm ein wenig GOTT abspenstig machen…

  28. Hallo willyam,

    Dein Gronbach-Leitspruch gefällt mir:

    “Du bist erst frei, wenn ich Dir Freiheit erklärt habe”.

    Vielleicht tut es aber auch der Fremdwörter-Duden:

    „Narziß [gr.-lat.; schöner Jüngling der griech. Sage, der sich in sein Spiegelbild verliebte] der Narziß: ganz auf sich selbst bezogener Mensch; jmd., der sich selbst bewundert u. liebt.“

    siehe auch „Narzißmus“

    Gronbach verkauft doch nur sich selbst. Die Anthroposophie dabei nur Werkzeug. So gesehen seine neueste Selbstdarstellung eine echte Arbeitserleichterung:

    “dieses Innerste von Sebastian Gronbach hat in Wirklichkeit nichts, absolut nichts mit Sebastian Gronbach zu tun.
    Würde ich das auch nur eine Minute denken, ich würde den Laden hier sofort schließen.”

    die dickste lüge schon ganz zu Beginn … nett, da braucht man gar nicht erst weiterzulesen

    Eine andere treffende Charakterisierung findet sich in den Kommentaren zu:

    „wiwo.de-Leser verdächtig einig“

    Artikel zur vom Bund der Freien Waldorfschulen manipulierten online-Umfrage der Wirtschaftswoche

    http://www.wiwo.de/technik/wiwo-de-leser-verdaechtig-einig-274113/

  29. Hallo willyam,

    du schreibst: „Ganz so abwegig sind Deine Überlegungen also nicht – auch wenn ich Andreas Lichtes Verletzung nachvollziehen kann.“

    Ich bin kein Pazifist um jeden Preis, und schon gar kein „Gutmensch“. Vielleicht meinst du „Verletzung“ ja nett – keine Ahnung – ich möchte aber doch noch mal klarstellen, um was es mir geht:

    Es kann nicht sein, dass man um vermeintlich höherer Ziele willen Dinge rechtfertigt, die nicht rechtzufertigen sind.

    Auf meine Mitarbeit am Sierra-Leone Schulprojekt bezogen: Wie stelle ich dem Spendengeber dar, dass hier sein Geld nötig ist? Nicht mit Fotos von Opfern von Kindersoldaten. Nicht mit Bildern von Menschen, denen Arme, Beine, Ohren, Nasen … fehlen.

    Ich hab die Kinder portraitiert, denen schon geholfen wird [Foto von Adama mit Mutter vor Hütte]:

    Adama Sandi
    portrait

    When rebels raided the village her father was taken prisoner.
    And never heard of again.
    Then Adama’s mother had to manage by herself.
    She started a small business.
    Trading with all kinds of food.
    What do you earn with a cupful of rice, salt, sugar?
    Well, she’s got a garden, too.
    And a little help from the villagers.

    Vielleicht möchtest du spenden? http://www.schule-fuer-afrika.de/

    Zumindest nicht mehr vom „gerechten Krieg“ reden?

    Der gerechte Krieg in Sierra Leone wurde um Bodenschätze geführt, Diamanten für UNS, die erste Welt.

  30. äh … natürich NICHT zum Zuhören verdammen. Ach je …

  31. Nerone!

    Wo fange ich an? Vielleicht mit einem Dank für meine Erwähnung.

    Um die Provokation des „guten Krieges“ fortzusetzen: Von nichts anderem, denke ich, spricht Hegels Dialektik. Schlimmer allerdings noch: In der Politikwissenschaft kursiert durchaus das Konzept des „demokratischen Kriegs“. Ganz so abwegig sind Deine Überlegungen also nicht – auch wenn ich Andreas Lichtes Verletzung nachvollziehen kann. In Reaktion auf seinen Kommentar legst Du den Finger auf die wunde Stelle aller Versuche, die Welt zu objektivieren: Abgesehen davon, denke ich nicht, dass ich beurteilen könnte, welche Erfahrungen in anbetracht von Kriegsszenarien erwachsen können. Insofern hast du wahrscheinlich recht, wenn du mir gedankenloses Kriegsspielen vorwirfst. Was man nicht selbst erlebt hat, kann man / darf man letztendendes nicht beurteilen. Empathie ist daher für mich eine unbedingte Voraussetzung für Weltvermessungen und -verbesserungen.

    Im Großen und Ganzen kann ich Dir in Deinem Versuch folgen; neugierig bin ich jetzt allerdings auf Dein Verständnis von „Entwicklung“. Der vorletzte Absatz ist grandios formuliert und perfekt auf den Punkt gebracht. Verwundert musste ich mir allerdings die Augen reiben, als ich lesen musste, dass Du Herrn Gronbach in einem Milieu „intellektuellen Austauschs“ verortest. Intellektueller Austausch ist in meinem Verständnis ein Austausch auf Augenhöhe und wäre ganz im Gegensatz zu den von Dir nachgezeichneten Vereinnahmungsversuchen altruistisch motiviert: Ich leiste dem Sinnsuchenden im Dialog, durch den Dialog „Hilfe zur Selbstfindung“. Ich projiziere nicht meine Welt und biete meinen Rat nur insofern an, als dass ich mein Gegenüber nicht für mich gewinnen möchte.

    Aber der Grat, den ich hier andeute, ist schmal. Meiner Ansicht nach übertrete ich ihn aber, wenn ich meine partikulare, subjektive Erfahrung zu einer ontologischen Essenz verkläre, auf die nur ich alleinige Interpretationshoheit beanspruche; wenn also aus dem angebotenen „kannst Du glauben“ ein imperatives „musst Du glauben“ wird; wenn Überzeugungsarbeit zur mehr oder weniger reinen Überredungsleistung wird.

    Gronbach & Co.s Projekt verstehe ich daher als den durchsichtigen Versuch, Differenz zu universalisieren: in letztendlicher Konsequenz sind wir alle unterschiedlich, und daher in dieser Differenz alle gleich – und deshalb ein homogenes Eins, dessen geteilte Erfahrung wir nur zulassen müssen wollen. Das Kernargument geht über in oder verschmilzt mit seiner Gegenposition: Wenn Gott oder welches Wesen auch immer sich selbst durch Dich und mich verstehen möchte, verdünnt sich alle Differenzierung zu einer totalitären Einheit.

    Dabei setzt die Wertschätzung des Anderen als Gleichen oder Gleichwertigen gerade voraus, dass ich unsere (seine und meine) Differenzen zu respektieren lerne. Für Gronbach ist die Erklärung der Menschenrechte vermutlich in einem anderen Sinne eine Erklärung: Aus Rosa Luxemburgs Worten, die eigene Freiheit höre dort auf wo die meines Nächsten beginne, schustert er die Lehre „Du bist erst frei, wenn ich Dir Freiheit erklärt habe“.

    So weit, so gut. Ich erinnere mich schließlich: Wir wollten Monologe vermeiden und den Anderen zum Zuhören verdammen …🙂

    _ W

  32. Hallo Marco,

    Du fragst: „Worum geht es eigentlich?“ Bin mal dem link gefolgt …

    … und lese:

    „dieses Innerste von Sebastian Gronbach hat in Wirklichkeit nichts, absolut nichts mit Sebastian Gronbach zu tun.
    Würde ich das auch nur eine Minute denken, ich würde den Laden hier sofort schließen.“

    Kommentar überflüssig. Was ich nicht verstehe: Wie kannst du Sebastian Gronbach einen Artikel widmen?

  33. Lassen wir doch den Begriff „Krieg“ , so wie wir ihn verstehen aus dem Bereich des Denkens heraus und ersetzen ihn mit Disskussion. Eine Diskussion kann und soll ja auch kontrovers geführt werden, um die verschiednen Standpunkte denkerisch auszuleuchten.Es können ja auch diverse Hypothesen ersteinmal nebeneinander stehen bleiben. Das praktische Leben zeigt uns dann meist, wohin es gehen könnte und durch die vorherige theoretische Beschäftigung mit einem Thema kann man sich dadurch ja Handlungskompetenz erwerben (weil man halt mit Diversem rechnet) Und in den individuellen Biografien ist es ja meist tatsächlich so, dass die Brüche oder Krankheiten oft Neues aufzeigen. (Nur sollte man die „Brüche“ dem Schicksal überlassen und nicht einem anderen bewusst zufügen wollen.) Die „Harmonie“ und „Disharmonie“ sehe ich eher auf der emotionalen Ebene der menschlichen Beziehungen.

  34. Hallo Marco,

    schon o.k.

    Auch wenn ich nichts von nachträglicher Selbstzensur halte:

    In diesem Fall würde ich den Text noch einmal überarbeiten. Wär noch besser als deine kleine „Richtigstellung“, zumindest für mich (falls du es tust, lösch bitte auch meine dann überfüssigen Kommentare, Danke!)

  35. Hallo Andreas,

    ich will muss entschuldigen, wenn diese Provokation verletzend war. Sie war nicht mehr als ein Gedankenspiel und ein Hinweis auf den Weg den man beschreitet, wenn man die Polarität zwischen Harmonie und Disharmonie auf größere Kategorien ausweitet. Zudem ist es der wunde Punkt dieser polaren Idee. Ich fand es richtig ihn offen anzusprechen. Der Text ist sehr direkt formuliert – aus dem Kopf in die Feder, sozusagen.

    Vielleicht gehört der tragende Gedanke des Textes um die Kategorie der Gewalt auf der einen Seite und des Dialoges auf der anderen ergänzt, bzw. flankiert.

    Abgesehen davon, denke ich nicht, dass ich beurteilen könnte, welche Erfahrungen in anbetracht von Kriegsszenarien erwachsen können. Insofern hast du wahrscheinlich recht, wenn du mir gedankenloses Kriegsspielen vorwirfst.

  36. Hallo Marco,

    ist ja o.k., mal zu provozieren, aber DAS muss doch wohl nicht sein, Zitat:

    „Jeder Krieg ein guter Krieg? – oder, etwas schwächer formuliert: notwendiges Übel!“

    Ich war Sanitäter. Als solcher auch Truppenarztschreiber. Es gab schon genug Menschen, die der psychischen Belastung in Friedenszeiten nicht gewachsen waren, die das militärische Milieu nicht ertrugen. Empfehlung der Offiziere: „Besauf dich mal richtig!“ „Normal.“

    Manöver noch mal Spezialfall. Unfälle, auch tödliche, „normal“.

    Dasselbe Thema, härter: Hab mich an einem Schulprojekt für Sierra Leone beteiligt. Die Grafik gemacht. Manches konnte ich nicht mehr darstellen. Beim jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Sierra Leone wurde keine Grausamkeit ausgelassen, vorzugsweise Menschen verstümmelt …

    Lass bitte das gedankenlose Kriegsspielen.

    Die Anthro-Sekte, auf die du wohl anspielst (?), will ich gar nicht mehr kommentieren.

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