Ich bin nur etwas stiller

Liebe Leser,

ich bin nur etwas stiller. Ich habe schon mal festgestellt, dass für mich die Auseinandersetzung, vor etwas mehr als einem Jahr begonnen, heute keine wirklich neuen Erkenntnisse zeitigt. Ich habe viel glernt, einiges verstanden und kurze Zeit starke Aufmerksamkeit genossen. Aber ich habe auch mal festgestellt, dass ich nicht auf Dauer in dem Thema bleiben kann. Es nährt mich nicht. Nicht im materiellsten Sinne – ich kann glücklich sein gerade einiges zu tun zu haben-, aber auch nicht im Sinne des eigenen Fortkommens, der persönlichen Entwicklung, und so weiter. Es ist nicht mein Weg des Denkens und Fühlens und ich bin auch nicht bereit so weit zu gehen, meine Zeit für eigenen Vorlieben im Denken und Fühlen zugunsten einer Konstruktion aufzugeben, die mir nicht mehr gibt als Sympathie für jene, die diesen Weg gehen und einige der Manifestationen ihrer Praxis.

Was mich freut: Zum einen, dass es hier auch gelang Gegener miteinander in einen Austausch zu bringen und jetzt zu erleben, dass diese gleichermassen, innerhalb der Grenzen des Netzes, Interesse für die Person hinter nerone zeigen. Ich kann nicht sagen wieso – aber irgendwie erscheint mir dies wertvoll.

Was mich langweilt: Die wiederkehrende in ihrer Qualität sich nicht verändernde Kritik auf der einen – und deren Abwehr auf der anderen Seite. Das läuft zwischen den immer gleichen Akteuren, mit den immer gleichen Mitteln und den immer gleichen Versatzstücken ab. Diese kenne ich so oder ähllich, seit nunmehr einem Jahr Beschäftigung mit dem Thema und ausser einer gewissen persönlichen Betroffenheit in der Problematik, hat sich in der Zeit kaum etwas inhaltlich verändert.

Dabei ging es in der oben erwähnten Betroffenheit vor allem darum, wie ich mit den Lesern und Kommentatoren umgehe, was geht und was nicht und wie ich das ganze hin kriege und weniger um meine Haltung zu der Tradition die ich betrachten wollte. Heute sehe ich lieber zu, als mir die Mühe zu machen immer Gleiches in gleicher Weise zu kommentieren. Ich denke der Blog hat hinsichtlich meiner Untersuchung und Fragestellung seinen Zweck erfüllt. Ich habe viel gelernt. Ich stehe heute weder den Vorwürfen, noch der verfassten Anthroposophie wie ein Unkundiger gegenüber. Sicherlich: Ich bin weit davon entfernt ein Spezialist zu sein – aber Schlagworte hauen mich heute nicht mehr um!

Meinung wurde hier in den meisten Fällen von den Lesern gemacht. Ich selbst bleibe für einige nicht greifbar, da bin ich sicher. Auch ist es bei nerone nicht anders, als bei Steiner, man muss den ganzen nerone lesen. (Wieviele gedruckte Seiten liegen wohl hinter uns?)

Fakt ist: Die Anthroposophie ist nicht mein Steckenpferd. Ich habe mich dem Thema einige Zeit gewidmet; aber das Interesse flaut ab. Kluge Fragen stellen Andere. Um die Egoisten ergeben sich Themenstränge, die ich bemerkenswert finde. Längst nicht nur M.Eggert – ein ganzes Team sorgt sich um einen differenzierten Blick auf die Vergangenheit der anthroposophischen Bewegung (CG und Waldorf). Das ist handfestes Material, welches viel mehr Aufmerksamkeit verdiente, auch von Seiten der Kritiker der Antrhoposophie natürlich, mehr noch aber von jenen, die es angeht.

Vor allem stelle ich aber auch die Privatheit der Ansichten fest, was Anthroposophie ist, kann und sein will. Ich zweifle an der gesellschaftlichen Relevanz des Themas, weil ich merke wie stark sich die Idee nach Innen wendet. Ich habe eine Exemplar von Sebastians Gronbachs Missionen zugesandt bekommen und stelle fest, das das Buch sich eigentlich nur an Ihn selbst wendet. Mir kommt es vor wie ein Selbstportrait (eine Selbstreflexion eher nicht). Hier interpretiert sich jemand selbst, inszeniert sich und das ohne dass man den Text und die Idee als Leser auf sich selbst beziehen müsste. Der Leser ist die virtuelle Projektionsfläche – „mein liebes Tagebuch“ – und das tut nicht weh. So funktioniert manches Argument in den vielen Debatten, die wir führten. Vieles des Gesagten ist persönliches Statement und für den, der es äußert immer wahr. Schwer finde ich es da mit moralischer Kraft ein Urteil darüber zu fällen, welches über die Äusserung des persönlichen Geschmacks hinaus ginge. Nachhaltig erscheinen mir letztlich nur die Diskussionen nicht aber die Aussagen zu sein, gleich von welcher Seite sie kommen.

Das klingt gelassen, wenn ich das eben Geschriebene noch mal lesend überfliege. Ich war zu oft aufgeregt, erregt, ungehalten, im vergangenen Jahr. Bin ich jetzt gelassener? Vielleicht. Ich begreife zunehmend, dass die Anthroposophie mich nicht berührt. Es sind eher die Leute die mit ihr umgeben, seien es die Anthroposophisten oder ihre Kritiker, die mich interessieren und die ich, mal mehr – mal weniger, mag. Ihnen widme ich dieses vergangene Jahr. Bei allen bedanke ich mich für die Beteiligung und das Interesse. Und ich?

Ich bin nur etwas stiller…

oder so

11 Antworten

  1. lieber Nerone,

    allein schon Deine blogroll zeigt wie vielfältig Deine Interessen sind und was alles es zu lesen, zu bedenken und zu besprechen gibt – klar dass Dein Service hier mal enden würde. Also: ciao bello!

    Allerdings gibts auch reviergebundenere Naturen die sich auf ein Thema setzen und sich eine Existenz draus bauen. Wie Syberberg sagt (sein blog les ich auch täglich, mit – ja doch! – Mitempfinden) nur was zur Form findet überlebt ( zumindest eine Weile).

    Du hast Ruhm erworben, allerhand ermöglicht und bewegt und ziehst nun sehnsüchtig-melancholisch weiter. Das hier is aber schon was, an dem Du weiterbosseln könntest.

  2. Dear Nerone!
    I am glad that you’re alive and well! Only a bit more silent… but that’s not bad, it’s like a rest before the next leap.
    I always like to read what you think and write. I don’t know exactly why, or what your secret is. But it seems to me that you are so well gifted with talent. So I can understand that it’s difficult for you to choose what exactly to do now, which path to follow.
    Choose for yourself, and than maybe – no, I mean: for sure, we can be happy with you!
    With kind regards and best wishes from Rotterdam,
    Michel Gastkemper

  3. Verehrter Freund im Virtuellen,

    ich kann mich Herrn Eggerts Worten anschließen: Vielleicht findest Du ja – nach einer angemessenen Verschnaufpause- doch ganz entspannt ein paar neue Gedankenstränge, die Dir selbst etwas bringen. Das sind auch in etwa die Worte, die mir einer meiner Dozenten in Bezug auf meine viel zu intensive Beschäftigung mit dem ganzen postmodernen Kiki entgegenbrachte. Ab einem gewissen Diskussionsstand ist man dermaßen von der Sache selbst eingenommen, dass erst ein wenig Abstand für Klarsicht sorgt. Wenn man dann zurückkehrt, ist es auf einem „höheren“ Niveau – weil man wieder Platz für neue Fragen, neues Hinterfragen hat und das Leben inzwischen mit anderen Herausforderungen aufgewartet hat.

    Für Dein anthroposophisches Engagement kann ich Dir ja leider kaum danken, obwohl ich mich ohne diese Engagement vermutlich nicht für unsere „off-topic“-Diskussionen über Wall und Sloterdijk bedanken könnte. Wie ich schon mal festgehalten habe: Das war eine der lehrreicheren Ereignisse des vergangenen Jahres. Vielleicht lesen wir uns in dieser Richtung weiterhin? Ich hätte da noch ein paar unaufgearbeitete Notizen zu Gabriele Basilico …🙂

    Merci _ W

  4. Lieber nerone, wir Christen sind jetzt im Jahreslauf der Passionszeit verbunden – und da kann vieles in alter Form zu Ende gehen. Ostern feiern wir dann Auferstehung und warum sollten sich nicht auch Ideen und Gedanken in neuem Gewand darstellen können. Es gibt ja noch viel mehr auf der Welt zu erleben, fragen und denken als nur Anthroposophie. – Mir persönlich ist z.B. auch, ohne dass ich allem zustimmen kann, Hans Küng sehr sympathisch, ein kluger Kopf. In diesem Sinne hoffe ich, dass Du uns nicht ganz verloren gehst und nerone weiter fragt und denkt. Herzlich Barbara

  5. Hallo lieber Nerone,

    wie schade!
    Für mich jedenfalls war der gesamte wohlbekannte Diskussionsstrang ein Abenteuer, genauso anstrengend wie befriedigend. auch ich habe viel gelernt und war gerne hier zu Besuch. Sensationell auch das viele Feedback das rüberkam. Über die Punkte an die man während der Erkenntnissuche kommen kann, sage ich selbst besser nichts, im vergangenen Jahr habe ich hier genug dazu hinterlassen. Ich kann mich Herrmanns Meinung nur anschliessen – vielen Dank für Alles.

    Eine Übersetzung brauch ich dafür nicht. Ich hoffe du wirst dir auch in Zukunft einen eigenen kühlen Kopf bewahren. Ich merke ich würde sehr vermissen sollten wirklich keine neuen Ideen von hier kommen, denn die bisherigen waren doch volle Erfolge.

    In jedem Fall aber Alles Liebe und auf Wiedersehen(bitte wortwörtlich nehmen)!

  6. Hallo Herr Eggert,

    lassen Sie sich mal einen Satz von Marco übersetzen, einer reicht:

    la antroposofia non è certamenta la vita …

  7. Lieber Marco,
    ich denke, an den Punkt kommt jeder- früher oder später. Wer nicht daran kommt, dreht sich eh im Kreis, ist fixiert in seinen Standpunkten oder sondert Gelesenes ab. Manchmal habe ich erlebt, dass Menschen an dem Punkten formulierten: wenn ich jetzt weiter mache, kann ich nicht mehr aufhören, dann wird es ein Teil von mir. Manche sind an dem Punkt verstummt, manche haben etwas Eigenes entwickelt. Vielleicht hast Du Dir zu viel erhofft von den Diskussionen. In der tat, Du hast dieses Verheddern in gegenseitigen Standpunkten verschiedener Seiten hier im Blog erlebt. Es war tatsächlich teilweise mehr als öde, ein ewiges Repetieren. Die Diskussionskultur in diesem Kontext ist wohl nicht sehr weit entwickelt.
    Aber ich möchte nicht zu pessimistisch sein. Schließlich kommt es doch darauf an, in wie weit es gelingt, etwas Neues selbst zu schaffen. Nicht warten auf das, was kommt, sondern selbst daran bauen, und zwar in der Hinsicht, die einem selbst liegt: D a s ist anthroposophische Arbeit. Vielleicht findest Du ja – nach einer angemessenen Verschnaufpause- doch ganz entspannt ein paar neue Gedankenstränge, die Dir selbst etwas bringen. Ich hätte gern etwas von Dir über Systemtheorie gelesen. Mach doch bitte an dem Punkt weiter, wo Du Dich wieder findest und pfeif auf die bestehenden zementierten Vorstellungen. Das wäre für Dich, der Du Dich stets eher als Moderator gesehen hast, eine neue Rolle. Die Meute würde über Dich herziehen, Dich vielleicht auch ignorieren, weil es für sie zunächst unverdaulich wäre, was Du machst. Anregend und spannend wäre es sicherlich. In der Hoffnung, dass Du die Flinte nicht ganz ins Korn wirfst
    Herzlich
    Michael

  8. Hallo Marco,

    na, zumindest weiß ich jetzt, dass bei Ihnen alles o.k. ist …

    la antroposofia non è certamenta la vita …

    e perciò la mia canzone d´ addio è un pò una interpretazione libera:

    Luigi Tenco – Vedrai Vedrai

    Quando la sera me ne torno a casa
    non ho neanche voglia di parlare
    tu non guardarmi con quella tenerezza
    come fossi un bambino che ritorna deluso
    si lo so che questa non è certo la vita
    che hai sognato un giorno per noi
    vedrai, vedrai
    vedrai che cambierà
    forse non sarà domani
    ma un bel giorno cambierà
    vedrai, vedrai
    non son finito sai
    non so dirti come e quando
    ma vedrai che cambierà
    preferirei sapere che piangi
    che mi rimproveri di averti delusa
    e non vederti sempre così dolce
    accettare da me tutto quello che viene
    mi fa disperare il pensiero di te
    e di me che non so darti di più
    vedrai, vedrai
    vedrai che cambierà
    forse non sarà domani
    ma un bel giorno cambierà
    vedrai, vedrai
    no, non son finito sai
    non so dirti come e quando
    ma un bel giorno cambierà.

  9. P.S.
    Lieber Nerone,
    ein kleines Schmankerl als Dankeschön wartet auf Dich bei uns in Uribistan. Soundsystem laut aufdrehen!
    Ein ganz herzlich grüssender Herrmann

  10. Lieber Nerone,
    im Namen der gesamten Redaktion von Uribistan Daily bedanken wir uns für den tollen Blog. Dass man irgendwann von dieser „Know everything Philosphy“ wie sie Thornton Wilder treffend nannte, genug hat, ist voll normal. Unsere Kartoffelbauern in Uribistan stöhnen durch die Zwangsumerziehung höllisch, abends meditieren morgens dann auch noch Nebenübungen. Trotzdem freuen wir uns, wenn Du uns besuchen kommst oder wir bei Dir vorbeikucken dürfen.
    Übrigens Du weisst auch nicht wo Murat steckt?
    Ein ganz herzlich grüssender Herrmann Finkelsteen
    P.S. Mal ganz ehrlich ohne Dich und Deinen Blog gäbe es nicht dieses Rassismus Referendum bei Info 3. Es ist Dein Verdienst, erwähnt zwar niemand, aber ist so; eigentlich solltest Du ein kostenloses Jahresabo von Info 3, Goetheanum und einer anderen Anthrozeitschrift Deiner Wahl erhalten!
    Herr Hau, stimmt doch oder?

  11. Danke für die Antwort,

    Mit freundlichen Grüßen,

    Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: