Bildungsfalle

Gestern bei Maybritt Illner vorbei geschaut. Es ging um G-8, so wie auch in dem Artikel der Zeit, der mit Kinderarbeit titulierte und vorrechnete auf wieviel Stunden Schularbeit Kinder im Gymnasium kommen. Mit einem Mal stellt man fest, dass die Politik in Gefolge der Wirtschaft einem Messbarkeits und Verwertberkeitswahn unterliegt und Schüler (Humankapital) in Systeme zwängt, die -und da war sich die Runde einig- nicht auf die neuen Rahmenbedingungen abgepasst sind. Die Mängel die jetzt zu Tage treten, treten zu Lasten der Eltern und Kinder auf, die wie Versuchskaninchen durch das System geschläust werden.

Fakt ist, dass nicht nur Pisa, sondern auch die Sorge, dass Bildung vom politischen Willen der wechselnden (Landes-)Regierungen in unserem Lande abhängig ist, sind mit ein Grund für uns gewesen uns für die Waldorfschule zu entscheiden. Die Sorge dem Bildungspolitischen Wechselwut zu unterliegen, die uns aus der Rolle des Beobachters, also noch als die Kinder im Kindergarten waren, hat uns mit tiefen Misstrauen erfüllt. Neben dem ständeigen Erneuerungswillen wurde deutlich, dass es um wirtschaftliche Grundüberlegungen zu gehen schien und weniger um pädagogische Konzepte.

Bei Frau Illner wurde gestern ja nur über die gymnasiale Situation gesprochen. Was ist mit dem Dreigliedrigen System? Mit der Durchreichung nach unten? Der Benachteiligung Bildungsschwacher Elternhäuser, etc.?  Es werden auch auf lange Sicht keine Lösungen durch die Politik angeboten.

Eine Kommentator der vergangenen Tage hier im Blog sprach von pragmatischen Gründen für die Schulwahl. Ich kann das so gesehen bestätigen. Schade ist, im Rückblick und in der Bestandsaufnahme, dass man sich so an den Rand des Diskurses stellt. Das ist das Problem bei der Wahl einer Privatschule. Sie behauptet sich ja nicht innerhalb des Systems. Auf der anderen Seite ist die Kindheit begrenzt und wertvoll. Da fällt es schwer, die Kinder in ein System zu schicken, dem man misstraut.  Denn das, was sich jetzt ablesen lässt, dass haben wir befürchtet, als die Diskussionen über Schulzeiten und Einschulung losging.

Ist die Waldorfschule, bzw. eine Privatschule aber die richtige Antwort auf die gesellschaftlichen Herausforderungen? Leider nein. Sie entwickeln keine Impulse auf das Bildungssystem, sondern dienen eher als Ventil, für jene, die alternativen suchen.

8 Antworten

  1. Hallo Herr Lichte,

    Die Praxis ist allgegenwärtig bei Privatschulen. Zu den Besitzverhältnissen: Das Schulgeld, welches wir bereit sind zu zahlene kostet unsere Familie Urlaubsziele wie Mallorca, etc. Wir machen subeventionierten Urlaub. Skifahren war eine Ausnahme in den letzten 10 Jahren. Zudem inverstieren wir in Musikunterricht für die kInder etc. pp. Gut bürgerlich motiviert, versteht sich, aber im Grunde nicht Verfsssungskonform? Sollten die Besitzverhältnisse erst mal einen Flatscreen für alle Haushalte vorsehen, oder was? Malle für alle?

    Ich verstehe diesen Dünkel nicht und ich halte den Vorwurf für überzogen. Gerade in Bezug auf die moderaten Preise mancher Waldorfschulen. Die Beiträge werden zudem sozial gestaffelt, etc. Da ein Bildungsangebot stattfindet ist es m.E. auch komplett ok, wenn öffentliche Gelder in die Schule fließen. Immerhin entlastet dies auch das öffentliche System.

  2. Grundgesetz Artikel 7, Absatz 4:

    „(4) Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.“

    „wenn eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.“

    Offiziell wird das niemand tun, so blöd kann niemand sein.

    Aber in der Praxis passiert es routinemäßig. Das ist nichts anderes als ein Verstoß gegen das Grundgesetz.

  3. Ich wollte nur ein kleines Gegenbeispiel geben. Meine Geschichte ist auch nicht die einzige. Viele Anlleinerziehende, etc.

    Das andere stimmt aber auch. Ich denke wir haben dem Raum gegeben…

    „Aber sie verschärfen es.“ Möglich auch, dass sie offen legen, dass Schule anders gemacht werden muss. Differenzierung z.B. nicht der Schulwege, sondern der pädagogischen Schullandschaft. Dazu gehört freie Schulwahl! Dann kommt man aber wieder in das Problem der Integration, wenn das nicht umfassend aufgebaut wird. Wie man es dreht es bleibt ein Problem. Vielleicht sind weniger die Schulen verantwortlich als die soziale Struktur selbst? Oder die Differenzierung, bzw. das Labeling etc. Siehe Humankapital… Ich fürchte das ist eine schwere Nuss. Fest steht, dass sekulare Lösungen keine Wege aufzeigen für das große Ganze….

  4. Hallo Marco,

    „Das soziale Ungleichgewicht haben nicht die Privatschulen geschaffen.“

    Aber sie verschärfen es. Und profitieren dann wiederum von der Verstärkung des sozialen Ungleichgewichts: Wenn die öffentlichen Schulen irgendwann nur noch „den Rest“ verwalten dürfen, dann dürfte erst die wirkliche Fluchtbewegung in Richtung Privatschule einsetzen.

    Danke für die Beschreibung Ihres finanziellen Hintergrundes, war mir nicht klar. Aber passen Sie auf, dass Sie nicht von sich auf´s Ganze schließen (was Sie mir wohl regelmäßig vorwerfen): Ich würde eine sehr hohe Wette eingehen, dass Waldorfschulen Schulen von Privilegierten sind …

  5. Das ist ja ein anderes Thema. Wen es interessiert, der kann dem oben angeführten Geständnis soweit folgen wie er mag.

    Ich denke, die meisten lesen die Kommentare mit und dass Sie das richtig stellen, nun: das war eine Grundannahme von mir😉 !

    Das mit dem priviligiert ist so eine Sache. Welcher Art Privileg? Wir hatten zu der Zeit des Schuleintritts schwere finanzielle Probleme. Ich muss das mal so darstellen, damit es gehört wird. Der geringe Kostenaufwand ist ein Kostenaufwand, der sich monatlich zu den Beiträgen für Kiga etc. addieren. Man zahlt nicht wenig in der Summe. Oder man vereinbart Aufschübe, muss mit Leuten reden, die Situation erklären, Arbeitslosigkeit aud Selbstständigkeit erklären, etc.

    Wie gesagt: Take it or leave it!

    Ich stelle die Beweggründe die Sie anführen nicht in Frage. Die wird es sicherlich auch so geben. Sie lassen sich auch ergänzen. Z.B. durch jene im Schulsystem gescheiterte, die dann in der Waldorfschule landen.

    G8 war schon vor einigen Jahren im Gespräch, so wie auch die frühere Einschulung. Das Argument gegen die Bedenken sind zu jeder Zeit: Kuscheklpädagogik.

    Ich wollte mich auf den Pragmatismus berufen, von dem wir auch „offline“ sprachen. Zu der dargestellten Sorge gesellte sich die Hoffnung, dass die frühe Beschäftigung mit den Fremdsprachen früchte trage. Mir schien die Theorie der frühen Auseinandersetzung mit Sprache sinnvoll (Ich selbst bin zweisprachig aufgewachsen).

    Das Privileg beginnt nicht an den Pforten der Privatschulen, sondern im dreigliedrigen System, dass sich auch an den Gehältern der Lehrer ablesen lässt. Die Wertschätzung der Schwerstarbeiter, der Heroen der Pädagogik (ich meine das ernst) werden schlechter bezahlt, als die Luschen Fachwissenschaftler in der gymnasialen Oberstufe. Warum bekommen die Grundschullehrer weniger Geld? Welche Kompetenzen fehlen denen. Das soziale Ungleichgewicht haben nicht die Privatschulen geschaffen. Allerdings ziehen die sich aus dem Diskurs heraus.

  6. Hallo Marco,

    hier hätten Sie gerne auch einen Credit geben können, Zitat:

    „Eine Kommentator der vergangenen Tage hier im Blog sprach von pragmatischen Gründen für die Schulwahl.“

    Das war ich. Sie hätten gerne auch noch hinzufügen können, was ich Ihnen dazu als Privat-Erläuterung mitgab:

    „Die Waldorfschule ist (wie andere Privatschulen auch) eine Schutzzone für Privilegierte, die sich nicht den Problemen, der gesellschaftlichen Wirklichkeit, stellen wollen, keine Lust auf „Ausländer“, „Sozialbenachteiligte“ haben. Mit relativ wenig Geld kauft man sich eine Insel.“

    Jetzt auch noch eine Insel gegen den G8-Leistungswahn?

    (aber was ist der inoffizielle, undeklarierte Preis, den man dafür zahlt? Wie geht es auf der Insel zu? Das ist Thema Ihres „Ich hätte gern …“)

  7. Danke Michel,
    Der Nestor der Anthrosphäre hat mich inspiriert selbst mal in die Wunderkiste zu packen, die mir WordPress zur Verfügung stellt.

  8. Ach, auch hier eine neue Aufmachung, wie bei den Egoisten! (Es ist schon Frühling in der Luft, oder? Bei mir jetzt in Rotterdam auf jeden Fall Sonnenschein und klaren blauen Himmel.) Ebenfalls genauso schön und übersichtlich. Danke schön!

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