Ein Wortbeitrag – Typismus?

Ich biete -ganz ungefragt- meine Meinung zu dem folgenden Satz an, der bei einem Treffen von anthroposophischen Medienschaffenden besprochen wurde:

«[1] Es steht eine Rasse, ein Volk um so höher, [2] je vollkommener ihre Angehörigen den reinen, idealen Menschheitstypus zum Ausdrucke bringen, [3] je mehr sie sich von dem physisch Vergänglichen zu dem übersinnlich Unvergänglichen durchgearbeitet haben.» Während Teil [1] des Satzes für den Rassismusvorwurf missbraucht werden könnte, löst Teil [2] gerade die Bedeutung von Rassen für die Menschheitsentwicklung auf. In diesem und in Teil [3] werden indes deutlich Grade von Höhe und Vollkommenheit aufgestellt. Also diskriminierend?

aus dem Bericht auf TdZ

Ja!

Und zwar nicht weil Teil 1 missbraucht werden kann einen Rassismusvorwurf zu konstruieren, sondern weil dieser Lehrsatz -wird er denn angewandt-, mit Sicherheit der Rechtfertigung untergeordnet wird, die eigene „gefühlte“ Rasse höher zu stellen. Wer sonst sollte dieses Argument (Teil 1-3) nutzen? Das Problem an Teil 2-3 bleibt doch, dass der Menschentypus immer noch eine Differenzierung darstellt, die über alles gestellt ist. Der Begriff der „Rasse“ wird mit dem „Typus“ ersetzt und gut ist? Zu Teil 3 gilt es zu sagen, was schon für die Begriffswandlung von „Rasse“ zu „Typus“ galt: der Evolutionsgedanke bezieht sich auf die Entwicklung vom „physich Vergänglichen“ zum „übersinnlich Unvergänglichen“. Da diese Idee nicht als Forderung an eine Individualentwicklung ist, sondern in Bezug auf Systeme angewendet wird, obliegt es dem Auge des Betrachters, welcher Typus, welche Rasse diesen Schritten näher ist. Ich halte es für im Grundsatz rassistisch, auch wenn hierin noch keine klassifizierung einer besteimmeten RAsse vorgenommen wurde. Ich sehe den Satz aber als Werkzeug rassistische Ressentiments zu untermauern.

Wenn nicht Rassismus, dann Typismus?

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6 Antworten

  1. Von einem Pionier namens nerone kann ich immer wieder festhalten, wie spannend es ist, bei ihm mitzulesen … 🙂

    Frei heraus, vielleicht ohne grundsätzliche Qualifikation, mich ausführich(er) zu Steiner äußern zu dürfen: Ehrwürdig auf alle Fälle der Ausgangspunkt, sich vom Zitat zu distanzieren. Du beweist meines Erachtens damit einen ehrlichen Willen zur Kritik – weil Du nicht gleich alles, was von Rasse und Typus spricht (vielleicht in Erinnerung und Ermahnung an den deutschen Nationalsozialismus) als diskrimierenden Rassismus interpretierst.

    Dass Du Steiner verteidigst, wo Du es für angebracht hälst, finde ich mutig, vor allem, wenn sich immer wieder Passagen wie die gerade zitierte in seinem Werk wiederfinden. Ich fühle mich sehr stark dazu geneigt, Deiner Schlussfolgerung zuzustimmen: Ja, seine Worte können zur Untermauerung rassistischer Ressentiments (aus)genutzt werden. Ob damit allerdings Steiner selbst von solchen Ressentiments freigesprochen ist? Mein Eindruck wäre: Nein. Ob offen ausgesprochen oder anhand leiser Andeutung untergeschoben: Ein Gedanke, der (wenn auch) indirekt zwischen menschlichen, sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen oder sonst wie definierten EntwicklungsSTUFEN unterscheidet (sprich: diskriminiert), ist sozialdarwinistisch. Offen bleibt die Frage ganz recht, wie Du andeutest: WER, wenn Steiner keine unmittelbare Zwischenbilanz in seiner Teleologie vom physisch Vergänglichen zu dem übersinnlich Unvergänglichen zieht, ist auf dem „richtigen“ Wege?

    So viel dazu; Deine Antwort auf Reginas Antwort (Stichwort fragmentale Gesellschaft scheint mir eine sehr stark „postmoderne“ Richtung einzuschlagen … und damit für mich zu dieser späten Stunde (mit zu wenig Konzentration im Kopf) ein ganz anderes, weiteres Thema …

    Viele Grüße Dir _ W

  2. Ich denke das es eine Betrachtungsweise ist wie man es sieht. Für mich heisst jemandem dabei zu helfen sich zu entwickeln nicht Ausbeutung, Versklavung, Diktatur, Kontrolle und skrupelloser Machtmissbrauch und all das was du beschreibst.
    Es gibt Menschen die meinen das sie den primitiven Harz4 Empfängern helfen indem sie sie dazu zwingen jeden noch so lausigen Job anzunehmen. Sie glauben sich überlegen, denn sie haben die Möglichkeit das von Ihnen zu fordern, da der primitive Harz4 Empfänger ja von dem lebt was der Staat Ihnen gegen Ihren Willen entreißen kann. Das ist allerdings nur ein Konstrukt dieser Menschen die sich einfach nur für überlegen halten … es entspringt ihrem Wertesystem das zu tun.
    Was ich glaube ich sagen will ist das es ein großer Fehler ist die eigenen Kulturvorstellungen dahingehend was ‚hochentwickelt‘ ist nicht zu hinterfragen. Ich halte unsere aktuelle Kulturepoche für absolut primitiv; Als höchstes Kulturgut haben wir eine Illusion etabliert die international nach den Prinzipien Gier und Angst funktioniert und dem Planeten das Leben aussaugt und so zimlich jedes Individuum unglücklich macht. Voila und wir halten uns dabei für die Krone der Schöpfung.

    Fest steht für mich eindeutig das ich mit ‚anderen Leuten helfen‘ absolut in keinster weise patriarchaler Kolonialismus gemeint habe. Nicht mal im aller entferntesten. Vergleichbar mit Jesus der seine Anhänger zum Terrorismus aufruft statt eine Botschaft der Nächstenliebe zu verbreiten.

    Übrigens verstehe ich den Teil „sich von dem physisch Vergänglichen zu dem übersinnlich Unvergänglichen durchgearbeitet“ als einen geistigen Prozess in dem es ein notwendiger Schritt ist aufzuhöhren andere beherrschen zu wollen und damit anzufangen sie in Ihren Eigenbemühungen sich in die selbe Richtung zu bewegen zu unterstützen. Dazu gehört auch zu wissen das man die Wahrheit die man mit fortschreitender Erkenntniss und Erfahrung gewinnt nicht ohne diese weitergeben kann. Das gefährlichste ist die Idee die gewonnene Erkenntniss vereinfachen zu können und sie dann anderen als Konzept zu verkaufen. Das ist die Idee die hinter institutionalisierter Spiritualität steckt und sie hält einen vom eigenen Weg ab.

  3. Nun, wahrscheinlich war das Judentum auch aufgrund einer Tendenz zu mystischer Verklärung DER beste aller Feinde für die Nazionalsozialisten. Zumindest argumentativ lies sich daraus sicherlich so einiges Konstruieren. Da muss man mal bei Rosenberg nachlesen, denke ich.

    „Kann es nicht vielmehr auch heissen das dieses Volk dann eine um so größere Verpflichtung hat anderen Völkern auf Ihrem Weg zu helfen?“ Das klingt für mich nach so einem patriarchalen Kolonialismus.
    Indigine Volksgruppen im Urwald Südamerikas bekommen arbeit auf Ölfeldern für die sie Dollars bekommen mit denen sie Schnaps kaufen können, den sie sonst nicht bräuchten, wie auch die Arbeit nicht, da Sie ihr Leben im Urwald bestritten und jetzt sind sie modern, nutzen Latrinen, kotzen und scheissen da hinein, fressen Junkfood und wenn die Ölgesellschaften wieder fort sind, spätestens dann verrecken sie, die Elenden, die Faulen, die Antriebsarmen, die kindlichen Gemüter. Sie sind halt noch nicht so weit wie wir. Naiv eben. So war es in Amerika, so war es in Autsralien, so geschieht es heute in Südamerika und so geht’s den Hartz IV-Empfängern.

    Deswegen verachte ich ich jedwede Tendenz, die in die Richtung anthropologen-evolutionärer Vergleiche geht, genau weil dieser Impuls darin enthalten ist. Dabei ist es mir egal ob es eine evolutionäre Diktion ist oder eine Farbenlehre. Jede Stufenjargon birgt diese Gefahr des sich über andere stellens in sich. Kann ich nur vor warnen. Menschlich weise, also anthroposoph, ist das in meinen Augen nicht.

  4. Ich habe da mal eine Verständnissfrage; Wenn behauptet ist ein Volk stünde in seiner Entwicklung höher als ein anderes … muss das dann heissen das es im Recht sei andere Völker zu beseitigen? Kann es nicht vielmehr auch heissen das dieses Volk dann eine um so größere Verpflichtung hat anderen Völkern auf Ihrem Weg zu helfen?

    Dieser Satz regt mich irgendwie nicht auf. Ich verstehe nicht so recht warum die Folgerung davon höher oder weiter zu sein darauf hinauslaufen muss sich total unzivilisiert zu benehmen … denn es ist total paradox das anzunehmen. Klar hat es in Deutschland eine Zeit gegeben in der zu viele Leute von der Idee verblendet wurden sie seien besser als andere … und sie taten sich zusammen um zu beweisen das das Gegenteil der Fall war. Sie taten sogar noch mehr indem sie bewiesen das es kein homogenes Volk gibt sondern das es ein beeinflussbares Konstrukt ist das von Individuen getragen wird.
    Es liegt für mich auch auf der Hand das derjenige der in einem ‚höher und weiter vorrangeschritten‘ eine Hierarchie zu entdecken glaubt sich nicht ‚von dem physisch Vergänglichen zu dem übersinnlich Unvergänglichen durchgearbeitet‘ hat sondern ganz stark mit seinem Ego beschäftigt ist.

    Um der Paradoxie eins oben draufzusetzen; Das größte Opfer des Nationalsozialismus war eine Gemeinschaft dessen religiöse Überzeugung es ist das ‚Auserwählte Volk Gottes‘ zu sein. Wie sieht denn sowas aus wenn man das mit hierarchische Maßstäben betrachtet?

  5. Das verstehe ich auch nicht, Regina, warum es so sein muss, dass Systeme Stufen enthalten sollten.

    Ich kann aktzeptieren, das es (analytische und syntetische) Gründe und einen (historischen) Kontext gab warum jemand so etwas glaubte sagen zu müssen, oder zu diesem Ergebnis kommen musste, verstehe aber nicht, wieso man sich heute nicht darüber einigen kann, dass der Stand der Wissenschaft (etc.) und die gesammelte Erfahrung mit differenzierenden Systemen (Apartheit, Rassentrennung in den USA, das Kastensystem in Indien, der Kaderkommunismus von Stalin über MAO bis hin zum Kapitalkommunismus von China heute (und da war überal noch kein Hitler drin!)) im Grunde ein „höher und tiefer stehend“ in einer anthrophilen Bewegung unzulässig erscheinen lassen muss, eine solche sogar ablehen müsste, wie ich vom Verständnis her finde. Also auch den missverständlichen Kern überarbeiten sollte.

    Das Bild mit dem Teppich ist ein schönes und wertvolles Bild. Ich finde es allerdings nicht in dem besprochenen Steinerzitat wieder.

    Von der Klassengesellschaft in die Geistig-Seelische Stufe gehoben, dafür bin ich nicht firm genug, um das zu verstehen. Wenn wir mit Klassengesellschaft im Gegensatz zu feudalen Systemen o.ä. meinen, dann sehe ich uns weniger im Geistig-Seelischen, als in einer fragmentalen Gesellschaft, einer Gesellschaft die unglaubliche Spannungen zu ertragen hat, die sich nicht mehr auf Ordnungskriterien berufen kann, die sie eint. Auch und gerade weil sich die Gesellschaft auf offensichtlichen Widersprüchen aufbaut, die nicht mehr an eine höhere ordnende Kraft delegiert werden können (wie z.B. die Klassen, das Kapital, das Proletariat, der Feudalismus, Gott, Steiner, etc.). Wir müssen ganz und gar die Verantwortung übernehmen für das was unmittelbar und mittelbar neben uns und auf der anderen Seite des Erdballs geschieht. Globalisierung eben. Wir sind Teilhaber feudaler Systeme und demokratischer Systeme und wir verantworten die Befreiung so wie die Unterdrückung von Gesellschaften ausserhalb der eigenen. Oder so. Jedenfalls kann ich die esoterische Dimension dieser Gesellschaft nicht erkennen.

    Darf ich fragen, woran du das fest machst? Das würde mich ehrlich interessieren. Ich frage mich natürlich nach den Forderungen ud Chancen des Standpunktes und der möglichen Vereinbarkeit mit meinem Modell. Gibt es die?

  6. Ich sehe die alte Klassengesellschaft in die Stufe des Geistig-Seelischen gehoben. Warum nur müssen wir Völker oder Menschen im System „höher oder tiefer stehend“ sehen? Ist das nicht auch geistiger Hochmut? Das alte Lessing-Bild: die Menschehit ist wie ein wunderbarer Orientteppich: es gibt darin Muster, die sofort ins Auge fallen und unscheinbare kleine Muster und doch empfinden wir eine Disharmonie oder ein Loch, wenn auch nur ein kleines Muster fehlt.

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