Arbeitskreis

Ich war gestern Abend bei einem Stuhlkreis in Köln. Eigentlich heisst es ja Firmenabend. Die Frage die mich dorthin zog: Wie rassistisch ist Anthroposophie? Den zwei Stunden geschuldet ist sicherlich, dass über den historischen Abriss nicht hinausgegangen, bzw. nur in Ansätzen gesprochen werden konnte. Ich will hier auch gar nicht zu sehr auf das Inhaltliche eingehen. Mir geht es um einen kurzen Bericht, aus einer für mich etwas anderen Welt.

Ich kam natürlich zu spät. Meine gute Waldrofkindergartenschulerfahrung hatte sich ausgeschaltet und so platzte ich mitten in den Vortrag eines Anfangsspruches, anstatt vor der Tür zu warten. Das wurde mir nicht übel genommen, ich habe mich nur über mich selbst geärgert. Das, sagte ich mir, hättest du doch wissen können. Und so stand ich betreten, wartend an der Tür, weil ich nicht stören wollte und tat dadurch genau dies: ich störte. Mir wurde dann freundlich angezeigt, ich solle mich doch setzen und schließlich fuhr der Leser fort, um den Spruch Steiners abzuschließen.

Ich hatte ein größeres Forum erwartet. Acht Stühle besetzt, viel mehr standen dort nicht im Kreis. Zwei Waldorflehrer, einer davon mit dem Fach Geschichte; Herr Schaumann; ein Herr mit Bart; einer mit grauem Gewitterhaar; die andere Waldorflehrerin; meinem freundlichen Nachbarn schließlich und, mir gegenüber saß Herr Gronbach, der durch den Abend führte, indem er über Hintergründe zu der Rassismusthematik referierte. In der Vorstellungsrunde hatte ich Gelegenheit mich Herrn Gronbach vorzustellen, so dass dieser vielleicht überrascht, aber auch aufrichtig erfreut schien, mich in diesem Zusammenhang kennen zu lernen. Pixelfrei.

Herr Gronbachs Bestreben an diesem Abend ist – und darin findet er meine Unterstützung- das Thema Rassimus und Antisemitusmus bei Steiner so offen zu besprechen, wie es der heutigen Zeit entspräche. Und mit diesem Duktus auch in der Öffentlichkeit aufzutreten. Kritiker und Kritik an der Anthroposophie leisteten durch Intuition, dem richtigen Richer, was auch immer, so Gronbach, das was das Milieu allein nicht betrachten konnte: Die dunklen Ecken des Gründers auszuleuchten! Eine historische Betrachtung von Steiners Aussagen, eine Kontextualisierung und zwar nicht allein um einzelne Aussagen zu verstehen oder gar fälschlicherweise zu Entschulden, sondern um das eigene Verhältnis und Selbstverständnis zu diesen Aussagen klar zu stellen.

In der Anfangsrunde wurde deutlich wer warum dort war und wer mit welcher Problemstellung antrat. Meine sollte die des Beobachters bleiben. So hatte ich mich auch vorgestellt und ich hoffe ich habe diese Rolle auch erfüllt. Mich interessierte eher die Auseinandersetzung im Inneren, als die scharfe Konfrontation , die sich in den Medien aufbaut. Hin und wieder habe ich mich als Spiegel aufgestellt um eine Aussenwahrnehmung der Anthroposophie anzubieten. Das wurde angenommen.

Neben mir saß ein Anthroposoph, der in der einleitenden Runde seine Verwunderung äußerte, dass Rassismus und Steiner überhaupt ein Thema sei. In seiner Wahrnehmung von Steiner und Anthroposophie fände das gar nicht statt. Da ergebe sich die Frage nicht. Wenn nicht von Aussen dieser Verdacht aufgebracht worden wäre, dann hätte er es niemals als Möglichkeit in Betracht gezogen, was er nach wie vor nicht tue, weil er dort nichts davon finden würde. Allerdings fehlte im Gespräch nicht das Verständnis für die Argumente von Herrn Gronbach wie Steiners Äusserungen mit rassistischen Inhalt rezipiert werden können, weit ab von dem Versuch diese zu interpretieren. Es ging um irgendso ein Zitat mit in welcher die Diktion ist schwarz= naiv. (Ich schlug folgende Aussage zur Konfrontation vor: Anthroposoph=Rassist.)

Ich muss sagen, ich kann ihn verstehen. Wenn man nicht auch die Texte kennt, die zur Debatte stehen, oder diese nicht anfasst oder höhere Wahrheiten darin vermutet, die zu komplex seien um sie zu verstehen, kann ich mir vorstellen, dass es schier unwahrscheinlich seien, die Problematik zu erkennen. Das hat etwas mit Verehrung Steiners zu tun, aber auch mit einer sich ganz anders darstellenden Wirklichkeit der anthroposophischen Milieus, anders jedenfalls, als eine mediale Öffentlichkeit dies durch den weitreichenden Vorwurf des Rassimus unterstellt. Diese Haltung birgt meines Erachtens folgende Gefahren (bitte den Konjunktiv mitdenken):

  1. Grundsätzlich: Auf der einen Seite muss auch eine Ideenwelt zumindest der „persönlichen“ Vernunft stand halten können. Die „persönliche“ Vernunft kann aber nur auf Augenhöhe arbeiten. Stelle ich eine Vernunft über die eigene, dann bin ich nicht frei diese zu prüfen.
  2. Das Milieu bedient sich unreflektiert der Inhalte, die in Teufels Küche führen oder ist verführbar für Argumente, die einer Agenda folgen, die wir gemeinhin ablehnen. (Gronbach verdeutlichte anhand von Zitaten Steiners in welchem Jargon diese heute wieder zu finden sind. Er verwies dabei auf Horst Mahler. Der Waldorflehrer Herr M. hat sich hier ja schon mal vorgestellt.)
  3. Die Milieus treten aus der Öffentlichkeit heraus. Die Institutionen schrumpfen auf das Mass, welches ausreicht das Milieu zu bedienen. Isolation.

Das sei noch richtig gestellt: Der Anthroposoph an meiner Seite hat einen gänzlich anderen und in nichts zu kritisierenden Ansatz in seiner Auseinandersetzung mit Steiner. Auch vertrat er seinen Standpunkt ohne jegliche Überheblichkeit, sondern mit sichtlicher Verwunderung gegenüber den Vorwürfen und, wie er eingestand, zuweilen Verletztheit, dass man so etwas behaupten könne. Mir schien als wolle er mit seinem Ansatz nicht die Gesellschaft bewegen, er wolle sich durch Steiner bewegen lassen. Ein privater Anthroposoph vielleicht? (Ich habe in meinem Bekanntenkreis einige, die sich mehr in die Biedermeierlichkeit dieser Tradition zu Hause fühlen, als im intellektuellen Überbau. Dessen Texte dienen eher als Mantren den als Forschungsquelle. Mich erinnert das ein wenig an die katholische Liturgie: Ich bin nicht würdig, dass du einkehrst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.)
Kontrovers war der Abend freilich nicht. Warum auch? Es war ja auch kein Enthüllungsjournalist anwesend. Keiner der sagte: Hosen runter! Gib es zu! Du bist ein Rassist! Wie hälst du es mit den Negern? Alles Relativierung! Wer von Steiner nicht ablässt ist Rassist! Wer Steiners schmutzige Stellen nicht kennt ist doof! Friss mein Thema oder stirb! Man benannte in einer kurzen Textexegese einige Zitate und kam auch in der Bewertung überein. Alle Aspekte waren natürlich nicht zu besprechen. Das Thema ist ja so ausufernd, wie die Textsammlung Steiners selbst. Es wurde ein Gespräch gesucht, es wurde geführt und es sollte nicht das letzte sein. Es ist auch dieser Aspekt der Anthroposophie zu beleuchten, wie Gronbach betonte, sonst tun es andere. Das die (institutionelle) Anthroposophie nur auf Druck von Außen reagiere, wurde einheitlich als Versäumnis bewertet.

Dennoch ist einiges offen geblieben. Ich wünschte mir in der Thematik in Zukunft z.B. die folgenden Punkte deutlicher,

  • auf die Strömungen einzugehen, die mit Anthroposophie ein Menschenbild begründen, welches wir ablehnen müssen;
  • die Geschichtswahrnehmung in dem anthroposophischen Milieu darzustellen und zu hinterfragen (Fall Benesch).

So, mehr fällt mir nicht ein. Am Rande sei noch bemerkt: Natürlich war es auch ein wenig sonderbar. Aber gefährlich war es nicht. Natürlich ist es nicht mein Milieu, aber auch nicht ganz durchgeknallt. Natürlich werde ich weiterhin anderen Traditionen folgen, als der Anthroposophie, aber als Waldorfuser sollte man sich zwangsverpflichten das Ding mal an zu schauen – am Besten vorher. Und natürlich ist Anthroposophie Sinnsuche mit dem Schwerpunkt der Suche, das macht die Leute aber nicht zwingend zu unmündigen, denen man sagen muss woran sie glauben sollen und woran nicht. Insofern waren die acht Leute ein guter Schnitt durch das Milieu, weil es ungefähr so viele Bezüge und Interpretationen Steiners und der Anthroposophie vertreten waren, wie es dort Stühle im Kreis gab. Und es gab ein klares Bekenntnis zum Humanismus. Und natürlich verbleibe ich:

so oder ähnlich

4 Antworten

  1. Dearest lovely Nerone,
    thänx for your report! I woulda hava loved to see Green little river, maybe next lifetime!
    Dearest Mr. Lichte,
    coulda giva me the adress ofa totally banged through Wladorfseminar circle in Berlin.
    I lova peoples on the edge.
    I woulda lova to talk with them abouta my big nose and the Tela Aviv swim conspiracy!
    Yours frändly Murat

  2. Ja, danke für die Kommentare,

    es ist mir nicht möglich repräsentativ das darzustellen, was für mich lediglich ein Eindruck war, fürchte ich. Tatsächlich kannman bei Eggert, also den Egoisten einiges über Figuren und Milieu nachlesen, wenn ich nicht irre.

    Zunächst einmal bin ich dahin gegangen im Bewusstsein, dass sich da Leute treffen, die ein gemeinsames Interesse haben. Und dann war mir klar, dass ich nicht alles annehmen werde können, kann ich aber auch nicht wenn ich mit meinen Eltern Urlaub mache. Aber das finde ich nicht kritikwürdig. Zudem haben sich die Leute zusammen gesetzt, nicht um Wunden zu lecken, sondern Hernn Gronbach in dem Versuch zu folgen, einen angemessen Zugang zu dem Problem zu finden., einen, den ich mit Spannung verfolgen werde und von dem ich glaube , dass es die richtige Art sein kann die Thematik anzugehen. Ich glaube nicht, dass Gronbach eine Wahrheit zwischen zwei Buchdeckel verbergen will, auf die man dann Verweisen kann. Ich denke Gronbach denkt auch in Prozessen. Ich bin jetzt kein spontaner Fan von Gronbach, gestern aber war er in der Sache überzeugend. Das sollte vielleicht hier noch gesagt werden.

    Ja, das Milieu kennst du besser als ich Michael. Es mag DAS Problem sein. Es ist das was entsteht wenn Sinnsucher sich rückversichern. Andererseits ist natürlich das Befremdliche in der Anthroposophie, welches Herr Lichte ja immerzu betont, nicht von der Hand zu weisen. Auch Gronbachs Blog ist voll von Dingen, über die ich nicht mit ihm und auch nicht in jenen Kreisen unbedingt reden muss. Dafür aber gibt es einen „Markt“. Es ist wie ein Verein von Hasenzüchtern, die sich über Löffel austauschen. Es genügt nicht einen schönen Löffel zu züchten, wenn du ihn nicht neben einen anderen halten kannst… (Helau)

    so oder ähnlich

  3. Lieber Marco
    schöne, eindringliche und sehr realistische Schilderung einer Expedition in dieses „Milieu“. Mir geht es seit fast 30 Jahren so, dass ich derlei Milieustudien betreibe. Ich habe die Notwendigkeit einer Art Gemeindebildung allerdings nie auch nur im Ansatz begriffen. Du schilderst ja auch sehr schön, dass es genau diese Milieubildung ist, die diese Betriebsblindheit verursacht, die dann nicht nur die internen Probleme nicht wahrnimmt, sondern auch in aller Unschuld den Boden bildet, dass derlei gedeihen kann.
    Das Milieu ist das Problem.
    Herzlich
    Michael

  4. Hallo Marco,

    einen irgendwie vollständigen, repräsentativen Eindruck vom „Arbeitskreis“ habe ich nicht bekommen, auch wenn ich ganz deutlich spüre, dass Sie sich bei der Darstellung viel Mühe gegeben haben.

    Das Berliner Waldorfseminar scheint mir aber erheblich durchgeknallter gewesen zu sein – immer noch zu sein, wie mir letztes Jahr einige Aussteiger bestätigten.

    Woran liegt´s? Ich vermute mal daran, dass man dort in kürzester Zeit versuchte, naive Menschen auf Linie zu bringen. Ist das, wie Sie fragen, „gefährlich“?

    Ich lass mal Voltaire antworten:

    „Ceux qui peuvent vous faire croire des absurdités, peuvent vous faire commetre des atrocités.“

    In „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins so übersetzt:

    „Wer dich veranlassen kann, Absurditäten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Gräueltaten zu begehen.“

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