Im Seitenspiegel…

Ich fürchte der vorgelegte Artikel (Unger-Leistner, Cornelie / Vögele, Wolfgang G. Anthroposophie in der Öffentlichkeit) von Frau Unger-Leistner und Herrn Voegele macht eben den Fehler, der bei Zander verortet wird.

Die Argumentation erwächst hier natürlich aus einer anthroposophischen Perspektive, leider aber einer Perspektive, die immer noch Steiner als Fluchtpunkt nimmt und somit den Versuch einer historischen Skizze als Polemik gegen Gegenwärtiges versteht – verstehen muss. Es ist ein Stellungskrieg, wenn man so will und das ist schade. Natürlich verlangt Zanders Werk eine Positionierung – ihm reine Polemik zu unterstellen ist in meinen Augen für die „zeitgemäße Außendarstellung“ in der Öffentlichkeit aber Gift. Der Artikel liest sich als würde in der guten Stube das Feuer geschürt und die Fenster geschlossen, um sich gemütlich einzurichten. Draußen bleibt, was aufwühlt.

Der Quellenflut fleißiger anthroposophischer Sammler wird beispielsweise die des Zanders gegenübergestellt. Dem einen wird Mißbrauch und Polemik unterstellt, dem anderen Redlichkeit. So werden Dialoge abgesetzt. Am Ende ist es egal wie eine eingeschworene Gemeinschaft sich zu einer öffentlichen Meinung verhält. Sie wird kaum gegen diese bestehen können. Sie schadet nur sich selbst und ihrer Tradition, wenn sie nicht bereit ist, sich dieser „öffentlichen“ Meinung zu widmen.

Dieses „widmen“ hieße die eigene Tradition gleichsam von außen zu betrachten. Was wenn andere Leser anthroposophischer Texte zu ähnlichen Schlüssen kämen wie Zander? Ich gebe hier zu, dass ich Zander noch nicht gelesen habe, aber auch ohne seine Thesen wenig an höhere Erkenntnisse glauben mag und kann. Damit falle ich also zwangsläufig aus dem Kreise derer heraus, die die Anthroposophie „wahrheitsgemäß“ (im Sinne der Autoren) erfassen können. Ich gebe außerdem zu, dass ich so manchen Steinertext nicht nur schwer ertrage, sondern auch in jene Richtung lese, in die er gemeinhin interpretiert wird – ich lese also nicht intendiertes, sondern geschriebenes oder dokumentiertes. Auch damit falle ich wahrscheinlich aus dem Kreise derer heraus, die „in Wahrhaftigkeit nach echter Erkenntnis streben“.

Das ist schade, gebe ich doch der gewachsenen Tradition der Anthroposophie und dem schöpferischen Willen jener Menschen, die sich durch diese Tradition anstacheln lassen gute Noten. Ich wünschte man wendete sich einer ganz eigenen „geistigen Schau“ zu und würde endlich mal den theosophischen Steiner überwinden und ihn ähnlich kritisch betrachten, wie den katholischen Zander. <i>Fragen unter zeitgemäßen Gesichtspunkten zu beantworten</i>, wie es Michael Mentzel im Seitenspiegel zu Recht einfordert, das gelingt durch die im Artikel skizzierte Haltung nicht. Andererseits führt Kontroverse auch immer in den Dialog. Das ist so schlecht wiederum nicht.

<b>Einige Artikel mit kritischen Betrachtungen zur Zanderbibel aus dem anthroposophischen Lager:</b>

3 Antworten

  1. Lieber beatagent,

    ich find‘ Nerone gut. Schön, dass er wieder da ist.

    Ja, Zander scheint das Thema Anthroposophie, resp. Esoterik aber nicht loszulassen. Tatsächlich bekommt es in der allgemeinen Meinung ja gute Noten, ist und wird immer mehr zum Bewusstsein sehr vieler Menschen. Deshalb werden sich die traditionellen Kirchen auch verstärkt damit auseinandersetzen, und ich bin überzeugt, wir erleben gerade einen Übergangszustand, in dem wir Zeugen werden wie Esoterik im großen Stil wieder in die Kirchen einzieht. Die materialistische Grundhaltung einer vollständig geistentleerten Religiösität war eben doch nichts Gescheites.

    Womit ich allerdings nicht ganz klarkomme ist eben die Einstellung der Kirche dazu, die wir aus der Vergangenheit kennen. Ich selbst hatte großes Glück und kenne nur Menschen die mich mögen und die mit mir reden. Ich weiss aber, dass das nicht jeder von sich sagen kann.

    Daher wohl die Positionierung Zanders der glaubt sich entscheiden zu müssen und dann das Erfahrene verarbeitet. Ich habe das alles schon durch, ich weiss wovon ich rede.

    Alles Gute für alle Leser, auch Herrn Zander
    von Annette

  2. […] in der Schweinebucht” oder so ähnlich? Selber gucken. Apropos so ähnlich… nerone hat noch mal einen Versuch gestartet, das Thema Zander zu beleben. Bisher erfolglos. Es will keine […]

  3. Lieber Nerone,
    Du bist zurück, und wie! Deine Erholungspause hat Dir offenbar gut getan, ich bin froh dass Du weitermachst. Genau wie Michael Eggert hier anderswo schreibt, habst Du, mit deine liebevolle, menschliche Art auf alle mögliche Menschen einzugehen, im Sachen Anthroposohie eine einzigartige Website geschaffen. Vielen Dank und beste Wünsche für das neue Jahr!
    Und zum Topic: ich gebe Dir recht mit Deiner Auffassung. Lassen wir uns doch nichts anmassen, und reiflich überlegen wo wir selbst stehen. ‘Nicht über uns selbst hinausgehen’, möchte ich fast schreiben, aber dass kan man auch falsch verstehen. Man muss natürlich auch über einem selber hinausgehen, wo käme man sonst? Aber auf rechte Weise (aufrecht, usw.).
    Herzliche Grüsse,
    Michel Gastkemper, Rotterdam

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