Es regnet, eine Linkandrohung

Die Notwendigkeit, interdisziplinär zu arbeiten, die Allüren der Einzeldisziplinen zu überwinden, unter anderem Philosophen mit Philologen, Anthropologen mit Naturwissenschaftlern, Ökonomen mit Künstlern zusammenzubringen und dem Ergebnis außerhalb der Universitätsmauern Gehör zu verschaffen, liegt auf der Hand, wird aber leider noch viel zu selten auch in die Hand genommen. parapluie soll stets zur Hand sein: Ein Katalysator für den Kopf, der in jede Tasche paßt.

parapluie – warum parapluie? Notizen des Herausgebers

Ich bin nicht das erste Mal an dieser Seite vorüber geschlichen. Mit ihrer großen Leserschaft und der Präsenz seit 1997 stellt parapluie im Netz schon so etwas wie ein Qualitätsmedium dar. Umbedingt zu empfehlen ist diese verlässliche Netz-Zeitschrift rund um die Kultur, die seit ihrem bestehen in redaktioneller Arbeit Themen zu Ausgaben zusammen fasst. Das verschafft eine Übersicht über das bereits formulierte.

parapluie wendet sich an eine Leserschaft, die interessiert, aber nicht akademisch geweiht sein muss. Für ihre Autoren gilt dasselbe. Nicht an akademischen Gepflogenheit orientiert sich die Zeitschrift, sondern an einem essayistischen Stil, der nicht auf Information fokussiert, sondern auf den Denkanstoß, den diskursiven Beitrag an Kultur im weitesten Sinne.

In wie weit parapluie auch als Diskussionsplattform genutzt wird ist mir noch nicht klar. Ich werde die Zeitschrift erst einmal studieren müssen. Ich bin gespannt.

7 Antworten

  1. Auch ich tippe mal mehr oder weniger frei heraus los.

    Oje. Das liegt alles schon wieder so weit zurück. Und mein Netzzugang ist derzeit auch nicht der beste, d.h.: ich kann mein Gedächtnis nicht auffrischen. Wo ich Dir auf jeden Fall Recht gebe: Frau Kelek war die einzige, die Ahnung vom Thema hatte. Alle anderen Beiträge – ausgenommen: die Forderung nach einer gemeinsamen Sprache (und das heißt für mich als Geste des Respekts: die Sprache des Gastlandes) – waren melancholisch, wenn nicht gar selbstbemitleidend und unkonstruktiv. Das Billerchen auf der Couch war in der Tat ein Anblick. Auch er hat sich für mich als eurozentriert gezeigt. Ich weiß, das Wort und die aufgebauschte linke Rhetorik, die üblicherweise mit ihm aufgegriffen wird, führt zu nichts. Man glaubt damit seine „kritische“ Haltung zeigen zu können. Auf seine Essenz heruntergekocht will ich darauf hinweisen: Kulturen sind nicht miteinander vergleichbar. Und schon gar nicht sind sie aus irgendeiner Perspektive heraus bewertbar. Diese europäische Selbstverliebtheit ist mir aber in besagter Sendung immer wieder zu Ohren gekommen. Biller meinte: Wenn ich schon mit meinen 3000 Jahren Kulturgeschichte es so schwer hatte, mich in Deutschland zurecht zu finden – wie soll sich dann der Bauer aus der Türkei in Deutschland orientieren? Der Türke hat also keene Kultur, wa? Darf man auch als „Intellektueller“ auf Stammtischniveau wettern? Ähnlich Safri oder Sloti zum Thema Frauenrechte: Die Auswanderung aus einem muslimisch geprägten Staat nach Europa sei eine Art „Befreiungsschlag“ oder „-chance“, weil es – sinngemäß – hier doch rechtmäßiger zugehe. Sicherlich, hier geht es rechtmäßiger zu – das steht für mich außer Frage. Worauf ich hinweisen möchte, sind die unterschwelligen Anspielungen: Die Idee, dass sie Europäerin werden oder in Europa leben muss, um frei zu sein. Nein: Was das Kopftuch anbelangt, leben unsere Kulturen – die jüdisch-christlich-säkulare und die muslimische – ihre eigene Logik des Sinns und des Rechts. Meine Kritik darf ich formulieren; ich darf auch meine Auffassung zur Verhandlung anbieten – aber ich darf sie nicht als absolut setzen. Wer hier ist, ist frei, wer dort, unfrei. Albern, solches Denken. Wenn der Islam eine „Aufklärung“ braucht, dann wird es seine eigene Auklärung sein, und nicht die europäische.

    Und wenn, abschließend, einer gefagt wird, was denn nun europäisch sei, und seinem Publikum solch zerfaserte Ideenfetzen hinhält … eine „bestimmte Rechtskultur“ hat die Türkei, hat Chile, hat Madagaskar auch.
    Peinlicher wird das ganze dadurch, dass Sloti über solche Phänomene schreibt (Stichwort „Ontologie des Vorsprungs“, das er in seinem Weltinnenraum des Kapitalismus ausarbeitet), ihnen aber selbst verfällt.

    Auch damit einmal mehr viele große, viel zu große Fässer aufgemacht. Letztenendes ist Deine Linientreu auch meine. Erst aus dieser Geste des gegenseitigen Respekts (der immer von einem selbst ausgehen sollte) heraus entfaltet sich das Potenzial für einen fruchtbaren Dialog. Deine und meine Zweisprachigkeit ist dafür ein wunderbares Geschenk. Sie macht sensibel für die ständig wechselnden Sinnzusammenhänge: Ob (für meinen Fall gesprochen) aus dem Deutschen ins Englische übersetzt oder aus meiner Welt in Deine oder aus der „deutschen“ (wie sieht sie aus?) in die „Türkische“ (und die?) … Konsequent, mit Sturheit also „tolerant“ sein, hm?

    🙂 Viele Grüße_ W

  2. Hallo wilyam,

    (des Nachts – keinen Bock auf Rechtschreibung)

    Danke für den Hinweis. Ich sah es gerade.

    Aber was ist eurozentristisch an der letzten viertel stunde? Oder anders: welche alternative sichtweise schlügest du vor? Welcher Tradition sollte sich das Denken Safrs, Slotis und Keleks bedienen, nachdem Biller konstatierte, dass den Ungewollten (migrationshintergründigen) die Denke und die Sprache des (zum Teil selbstgewählten) Heimatlandes nicht zumutbar wäre, denn das käme einer Kolonialoisierung gleich?
    Die Verherrlichung einer amerikanischen Gesellschaft, deren scheinbare Freizügigkeit Biller an P. Roth fest macht ist doch auch nur scheinbar und durch strenge Gesetze die die political correctness ordnen und durchsetzen ist doch in Whrheit ein Pulverfass. Das selbe im Übrigen, auf dem die Europäer setzen. Ich verstehe Biller nict, weswegen ich dem Eurozentrismus der andern nicht nachspüren kann. Biller hat da gesessen, als säße er auf der Couch seines Therapeuten. Ein kleiner Junge. Eher tragisch. Frau Kelek hingene vermittelte den Eindruck als einzige genau zu wissen wovon sie spricht. Sie hatte im übrigen einen absolut eurozentristischen Blick! Einen nachvollziehbaren noch dazu, wie ich finde. Ihrt HInweis auf Billers Wehwehchen als Intellktueller fand ich sehr charmant. Ich war mehr von dem enttäuscht als von Sloti. Aber ich gebe dir recht, dass der nicht in der Lage war zu moderieren. (Das hätte Biller aber auch nicht mit sich machen lasse, puh, moderieren) dennoch hatte ich von Biller echt mehr erwartet. Auch an Diskurs. Man sah ihm förmlich an, wei er an seinen Punkten festhielt und im Sprechen der Anderen schon zum Sprung ansetzte.

    Kannst du mir sagen wie man sich am besten aus der Identität der anderen raus lässt. Sloti Hinweis auf die Notwendigkeit der Qualifikation der Sprache hinsichtlich veränderter Produktionsziele (Dienstleistung) fand ich im Übrigen sehr richtig als Analyse in dem Zusammenhang. Ich bin ja zweisprachig aufgewachsen. Ich kann es nur in dem Sinne des Benehmens sagen. Andere Länder andere Sitten. Ich versuche mich daran zu halten. Ich verlange das auch von anderen. Ist das zu deutsch (Linientreu) ?

  3. sicherlich ein wenig selbstverliebt. Aber so was von sicher. Sieh Dir mal ausschnittsweise die Sendung des Philosophischen Quartetts zum Thema „Integration“ an (http://www.jbk.zdf.de/ZDFde/inhalt/8/0,1872,1021352,00.html). Der Kerl ist sowas, aber sowas von weltfremd (wobei sich Maxim Biller auch keinen Deut besser verhält …) Ich muss mich zurückhalten, nicht jede Negativschublade aufzuziehen, wenn ich über ihn läste … äh: nachdenke. Ich gebe Dir recht: Er schreibt zuweilen sehr schön. Aber kaum Neues. Er gehört zu der Sorte Mensch, der intelligent ist, aber nicht schlau, und in der Folge – trotz seiner Crossover-Versuche – Altes nur neu und gelegentlich auf pessimsitischem, popintellektuellem Niveau formuliert. Ich schlage mich durch sein „Im Weltinnenraum des Kapitals“, dass ich dann und wann aufgreife. Schöne, zitatreife Passagen. Aber dem Gehalt nach alles schon mal da. Und zum Abschluss noch mein Totschlagargument: Er ist in seinen Ansichten ungemein eurozentrisch: nochmal der Verweis auf die letzte Viertelstunde der Sendung, in der er und Safranski versuchen, das „Europäische“ zu definieren … Oje oje … 🙂

  4. Tja, der Peter.

    Es ist nicht zuletzt das Verdienst der medialen Philosophen, Theologen und Ideologen, dass man sich in ein Thema hinein begibt. Erst einmal ist man erstaunt. Wie viel der weiß und was der alles sagt und wie er es tut. Und auch Geschrieben ist es schön. Und sicherlich ein wenig selbstverliebt. Ich habe schon oft gehört ihm fehlte es an Gehalt. Nur, wie soll ich es denn beurteilen? Das wenige was er zu bieten hat, regt zumindest mein Denken an und dünkt mir immer noch ein Mehr zu dem was ich mitbringe. Ich finde seine Crossover-Versuche sehr spannend. Vielleicht ist es ein wenig langatmig. Ich hätte im Übrigen gedacht nicht Sloterdijk wäre die Zumutung hier, sondern die ganzen Steinerlinks 😉 !

    Einige Worte zu den philotopos. Die Links sind quasi in Opposition zu der Esoterik der Anthroposophie gesetzt. Sie bieten sich als frei zugängliche Gedanken an, deren einzige Voraussetzung das Lesen ist. Darein gehörte noch die von vielen Anthroposophen geliebte „Philosophie der Freiheit“ Steiners – eingereiht, wohlgemerkt, nicht hervor gehoben. Allerdings ist sie nicht mehr als einzelne „Leistung“ zu werten. Mir zumindest viele das schwer. Dieser phliosophische Versuch Steiners wird vom Opus Magnus beansprucht und von dem von Steiner gesuchten Monismus aufgesogen. Diese Schrift allerdings dient der gesamten Bewegung wie mir scheint als Kern um den sich alles was die Persönlichkeitsentwicklung und die Entwicklung des Milieus dreht.

  5. Jau – auch ich dank Dir: Unser Meinungsaustausch hat seine deutlichen Spuren hinterlassen, wie ich bei den meinen letzten Austellungsbesuchen im c/o berlin (www.co-berlin.com) gemerkt habe.

    Beim Kommentieren schweift mein Blick gerade auf Deinen Blogroll; ich bin, zugegeben, überrascht: Du kannst doch Deine ehrenwerten Leser nicht auf Peter Sloterdijk loslassen … 🙂

    Auch Dir alles Gute für’s neue Jahr! _ W

  6. Ja, sieht so aus, dass man sich wohl entscheiden muss, ob man Meinung „anbietet“ oder Diskussionsraum „zur verfügung stellt“.

    Unserer Kunstbetrachtung war spannend Willyam. Dein Einwand und dein Gedanke hat sich bei mir festgesetzt. So werde ich ihn ein wenig mit mir herum tragen. Das Thema und die Betrachtung braucht Zeit hin und her gewendet zu werden. Unsere kleine Auseinandersetzung war ein trefflicher Anlass mit dem Rühren zu beginnen.

    gutes neues!

  7. Danke, aber herzlichst, für den Link!

    Wenn ich mich damit nicht identifizieren kann: Die Notwendigkeit, interdisziplinär zu arbeiten, die Allüren der Einzeldisziplinen zu überwinden, unter anderem Philosophen mit Philologen, Anthropologen mit Naturwissenschaftlern, Ökonomen mit Künstlern zusammenzubringen und dem Ergebnis außerhalb der Universitätsmauern Gehör zu verschaffen, liegt auf der Hand, wird aber leider noch viel zu selten auch in die Hand genommen.

    Sofort unterschrieben! Großartige Artikel, großartiges Archiv, und eine Linkliste, wie sie mir schon lange nicht mehr begegnet ist. Sehr traurig allerdings, ohne einschränkendes wenn und aber: Kein Diskussionsforum …

    _ W

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