Schwarzwald [5]

Als er die letzte Biegung zu dem tönenden schmale Tal nahm und direkt vor sich die Wutach strömen sah, ging ihm das Herz auf. Das letzte Stück den Abhang hinab, zwischen den Tannen hindurch, sprang der junge Müller übermütig über Stock und Stein und vergaß alle Sorgen, so sehr zog es ihn hervor aus den schattigen Tannen zu der sonnigen Wiese hin, und stieß dabei fröhliche Rufe aus.

„Heureka, das Wasser lenk‘ ich,
Heiho, das Mehl das mahl‘ ich,
Doch niemals, Schatz, vergess‘ ich,
Was Lieb und Freude ist für dich.“

Der Esel suchte sich gemächlich seinen Weg, während Andreas sich auf die Wiese warf und alle Glieder von sich streckte, einen Grashalm in den Mund steckte und ein einzelnes weiches Wölklein am blauen Himmel betrachtete. „Schrinschran, mein alter Freund, wir sind daheim. Endlich angekommen! Was wir jetzt brauchen ist ein Stein, ein Haus und eine Braut.“
„Soho – jaja…“, hörte Andreas sagen und wandte sich zum Sprecher um, der hinter ihm auftauchte. Ein reifer, kräftiger Mann kam da barfuß auf Andreas zu getrottet, mit schwerem Gang und auf einen langen Stab gestützt, führte er eine blökende Herde Schafe und Ziegen an, die etwas weiter oberhalb am Hang weideten. Ungewöhnlich still lief ein Hund neben dem Hirten her. Der Hund blickte immer wieder zu seinem Herren auf und schien mit größter Ruhe auf Weisung zu warten. „Erst rennst du und springst wie ein Irrer, dann singst du neckische Lieder. Jetzt redest du wirres Zeug! Und Augen hast du auch keine, dass du mich nicht grüßen magst? Von hier kommst du auch nicht, Junge! Wer also bist du?“
Andreas war aufgesprungen, hatte den Halm schnell ausgespuckt, den Hosenboden glatt gestrichen und vom Gras befreit und stand nun kerzengerade vor dem Hirten. Mit einem kurzen Nicken begann er zu sprechen: „Huber, Andres, ist mein Name. Ich habe hier ein Schreiben, dass mich als Müllermeister ausweist. Die Gemeinden haben darum angefragt und sind überein gekommen, dass ich… Ach was erzähl ich da, lieber reich ich dir die Hand. Von dir habe ich schon gehört, Hirte, dass du hier weiden lässt.“ Sprach es und reichte dem Mann die Hand, die dieser kräftig drückte. „Hannes werde ich gerufen. Auf dich wartet hier alle Welt. Alle außer mir vielleicht. Der Fürst hat dir die Pacht überlassen.“, stellte der Hirte fest und deutete mit den Kopf ringsum auf die weite Wiese zwischen im Tal. Dabei verfinsterte sich sein Gesicht und der Druck seiner Hand wurde stärker. „Aber Nachbarn verscheucht man nicht, nicht wahr.“, fügte er düster hinzu. Der Hund knurrte. Andreas fand sich gegen seinen Esel gedrängt, der sich inzwischen seinem jungen Herren bis auf einen Schritt genähert hatte. Das gute Gefühl des warmen pelzigen Körpers des Tieres stärkten Andreas den Rücken und schützten ihn vor unbotmässiger Schwäche, Angst und vor allem: Leichtsinn. „Hannes. Eine Freude dich zu treffen. Wie soll ich den Händen schaden, deren Hilfe ich bedarf? Schau her,“ sagte der Müller und klopfte seinem Esel den Staub aus dem Fell, „das ist alles was ich besitze. Was ich zu tun habe kann ich nicht ohne einen Einzigen von meinen Nachbarn schaffen. Auf Gedeih und Verderb, Hannes! Lass uns sehen, wie wir Gottes Früchte teilen können, solange es nicht um den Liebreiz einer Frau geht!“ Er lachte den anderen von unten an , denn der Hirte war ein Kopf größer als er selbst, verstärkte aber seinerseits den Druck der Hand. Hannes lies sofort ab vom Müller und das Kläffen des Hundes erstarb. Der Hirte wandte sich zu seiner Herde um und ging los und murmelte nur: „Gut dann, ada!“

3 Antworten

  1. Nerone das machst Du toll !
    Ich dachte ja, das seien Stücklein aus dem „Grünen Heinrich“ o.ä.

  2. Ich freue mich, dass du dich von diesen Dingen größter Wichtigkeit weit eher angezogen fühlst. Ich glaube das Licht der Kunst kann weiter ausstrahlen als jede noch so blank geputzte Rüstung. Alsbald werde ich die Moritat des Müllers weiter erzählen und wenn ich es auch nur für dich täte. Und spannend soll es werden…

  3. Na jetzt wird es aber spannend: wer ist denn die Braut?

    Ich warte auf Teil 6

    wo ist denn eigentlich Murat, der gehört zur Zeit wieder etwas aufgepeppt, er muss zu oft Ziegen hüten.

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