Subkultur

Der Blog Maingold widmete sich am 12.08.2007 einem Artikel der Süddeutschen Zeitung, die dem vernehmen nach über die deutsche Bloggerszene nachdachte. Für Maingold stach heraus, dass der Artikel die Bloglandschaft auf wenige „bekannte“ Blogs reduziert. Diesen wird eine gewisse gesellschaftliche Relevanz zugesprochen; die anderen 100.000 also kann man getrost vergessen, so die Schlussfolgerung von Maingold. Dem widerspricht Maingold aber wehement und verweist auf die Bedeutung des Longtails für die Bloggoshäre.

Die Akteure des web 2.0 nutzen den gesamten zur Verfügung stehenden Raum als Referenz. Der Blog Spreeblick beispielsweise, leistet sich den Blick in die Bloggosphäre, da es aus ihr sein Existenzrecht bezieht. Ohne den Longtail würde es keine Alphabloggs geben. Und die Rolle der Alphablogs ist die des Verstärkers. Sie sind, anders als die klassischen Medien, Meinungsermöglicher und nicht Meinungsmacher.

Maingold analysiert treffend, dass die Medien offensichtlich Schwierigkeiten mit dem Begriff der Subkultur zu haben scheinen:

Zu guter Letzt stelle sich mir die weitere Frage, ob Medien wie die Sueddeutsche das Wort „Subkultur“ aus ihrem Sprachgebrauch gestrichen haben, oder auch nur annähernd wissen, was damit gemeint ist. Viele Blogger möchten mit großer Sicherheit in der Tat keine Alternative zu etablierten Medien sein. Sie möchten vielmehr eine Art Subkultur sein, und das Schöne daran ist, sie sind es bereits. Ob das für die Sueddeutsche Zeitung dann gesellschaftlich relevant ist, ist hierbei den meisten Bloggern wohl reichlich egal. Und mir erst Recht.

Spielt hier nicht noch die Angst der Eliten vor dem Kontaktverlust und somit Kontrollverlust des Pöbels mit rein? Was nützt jedwede Bildungsbürgelichkeit, wenn die an Wert für die Masse verliert. Was wenn die „Masse“ sich selbst bewegt? Fernsehdebatte, Werbedebatten, Mediendebatten, Big Brother, Talkshows, Rock ’n Roll, Hippies, Punk – alles Angstmacher für das Establishment. Die Vereinnahmung geschieht später meist durch Kommerzailisierung der Subkulturen. Kolonialisierung durch Kommerz. Das ziegt im Umkehrschluß die Relevanz der Blogs – vor allem ihres Longtails.

7 Antworten

  1. Ja, sowas wie Nensch. Dort machte sich ja auch sehr rasch der Vorwurf des „elitären“ breit – der allerdings nur teilweise berechtigt war.

    Die Blogosphäre agiert natürlich „vernetzt“, aber es geht auch durch diese „AtomisierunG“ einiges verloren. So passiert es doch ziemlich oft, dass jemand auf einen beitrag verlinkt (vielleicht auch nochmit einem Trackback) und damit eine Antwort oder eine Diskussion auf seinen Blog lenkt. Das ist zwar alles ganz nett, aber führt zur Zersplitterung für den Leser – er muss mehrere Blogs auf der Blogroll haben; etliches wird doppelt und dreifach gesagt – anderes gar nicht berücksichtigt, usw. In die Tiefe geht es eher selten; naja, Bloggen ist ja kein Beruf…

    Ich „blogge“ eigentlich nur, weil ich durch das Aufschreiben bestimmte Zusammenhänge besser vergegenwärtige (das gilt insbesondere für Bücher). Da die Sachen eh geschrieben würden (die meisten jedenfalls), kann man es auch ins Netz stellen – was natürlich eine gewisse Disziplinierung verlangt.

  2. So in der Art? http://www.nensch.de/
    Du hast das auf deinem Blog mal erwähnt.

    Ich habe bei Robert Basic etwas von einer Konsolidierung der Blogspähre in Deuschtland gelesen. Die Leute streben nicht mehr in die Rankings. Sie sind erfahrener geworden, reifer, wenn man so will, das zumindest soll die Interpretation von Basic sein. Das mit den Gleichgesinnten ist in dieser Analyse sicherlich enthalten. Andererseits kann man, mit etwas Erfahrung auf dem Buckel, sich etwas befreiter auf den Weg machen und sich an neuen Horizonten beteiligen. Die Zementierung der Stossrichtung, das Selbstreferenzielle ist Bestandteil der (eigenen) Reflektion (…habe ich den Eindruck, wenn ich hier halb-öffentlich denke). Oder so…

    Ist vielleicht nach einer Beruhigung des Hypes, bei einer zunehmenden Vernetzung die Blogsphäre nicht vielleicht das offenste Mittel und die Plattform, die du suchst? Es liegt am Ende ja an den eigenen Fragestellungen, in wie weit man bereit ist sich zu öffnen. Mir scheint, du würdest, so wie ich auch, Beton meiden, wenn der Schädel zu schmerzen beginnt.

    Die Regel der Blogs die ich besuche ist meist fundiertes Nichtwissen, ich genieße mitunter einen freundlichen Umgangston, der aber in der Sache durchaus deutlich sein darf (deutlicher als ich in der Lage bin es zu formulieren)

    Aber was rede ich da, ich wollte nur mal erklären, weswegen ich ganz zufrieden mit diesem Werkzeug und der Entwicklung, die mir diese Art der Kommunikation ermöglichte. Mitunter glaube ich an eine gewisse gegenseitige „Bildung“ in der Gemeinschaft der Blogger (also des eigenen Kreises). Dieses Forum von dem du sprichst scheint es noch nicht zu geben, sonst würdest du doch sicherlich nicht einen eigenen Blog betreiben, nehme ich an. Wenn es soweit ist, lass es mich wissen. Allein die Struktur und Form dieses Forums würde mich interessieren.

  3. Ja, das mit dem Lernen ist sicherlich interessant. Ich gebe aber zu bedenken, dass viele auf Lerneffekte nicht aus sind. Die politische (oder sonstwie) „StossrichtunG“ ist derartig zementiert, dass es (1.) keine Bereitschaft gibt, etwas zu lernen und (2.) durch das Prinzip der Blöogs meist nur Gleichgesinnte „zusammenkommen“. Ich hielte ein grosses – niveau- bzw. anpruchsvoll ausgerichtetes – Forum, in dem sich alle möglichen Leute (nach festgesetzten Regeln!) tummeln, für interessanter.

  4. Danke für den Beitrag Gregor.

    Ich habe heute anlässlich irgendeines Jahrestages der WordPress.com – Gemeinschaft einen Kommentar eingestellt, in dem ich laut darüber nachdenke, was ich seit bald einem Jahr durch das Blog erreicht habe.
    Dabei ist die wesentlichste Erkenntnis für mich, dass man mit diesem Werkzeug sich in die Lage versetzt in Kommunikation mit anderen eine ganze Menge zu lernen.
    Man startet mit einer Fragestellung und erntet Wissen. Gespeist aus Nischen meinetwegen, aber mit wertvollen Hinweisen auf wieder andere Medien und Werkzeuge. Ich möchte also dein Fazit („…in irgendeiner Form auskennt; Nischenwissen halt…“) lediglich ergänzen um den Wert des Ermöglichen, Erlernen von (Nischen-) Wissen, Bildung und Interesse.

    Mal abgesehen von den ernst zu nehmenden Verbesserung (das muss man glauben…) hinsichtlich meiner Rechtschreibschwäche…

  5. Was viel interessanter ist, als der belang- und lieblose Artikel in der SZ (der nicht einmal als Blog-Beitrag gelungen wäre), ist die Reaktion in der „Blogosphäre“. Eigentlich sollte ein solch pauschaler und ungenauer, vermutlich in 10 Minuten hingeschriebener Artikel nicht eine solche Welle verursachen.

    Insofern sind die Thesen von Jasper Traugoth in Kommentar 1 interessant.

    Die heutigen Bildungsbürger sind Feuilletonisten, die die neuen Möglichkeiten (Weblogs) – überspitzt formuliert – als Emanzipation vom guten, alten Leserbrief sehen. Daher sind feuilletonistische Blogs aber letztlich vollkommen überflüssig, da sie immer nur re-agieren und nicht selber thesenbestimmend sind. Dies geschieht nach wie vor in den klassischen Medien (ob das richtig ist oder nicht, ist damit nicht gesagt). Vielleicht ist das mit „Teilkultur“ gemeint.

    Entscheidend ist dabei die Auswahl. Sie ist eng mit hermetischem Denken verbunden. Ein Redakteur eines klassischen Mediums meidet den öffentlichen Rekurs auf Blogs und/oder Online-Publikationen wie der Teufel das Weihwasser. Der SZ-Autor begründet dies mit fehlender „Relevanz“, was natürlich ein grosser Schwachsinn ist, denn Relevanz entsteht ja erst durch Rezeption. Die SZ beklagt in dem Moment, dass das, was sie (und andere Medien) praktizieren – die Abschottung von Blogs – zur Marginalisierung führt. Das ist aber durchaus gewollt.

    Dabei kommt es gar nicht darauf an, dass vermutlich 90% der Blogs tatsächlich belanglos sind. Dies dient eher als Unterstützung der These. Der Unsinn, die Blogcharts als Qualitätsinstrument heranzuziehen, ist offenbar, denn niemand würde die Bestseller-Liste des „Spiegel“ als Qualitätsmesser für Literatur ansehen wollen.

    Übertrieben formuliert: Blogs, die gesellschaftliche und/oder soziale und/oder politische und/oder literarische Themen referieren, werden totgeschwiegen oder heruntergeredet. Das ist – wenn man sich einige Blogs ansieht – nicht besonders schwierig, denn sie versuchen, die klassischen Medien zu „übertrumpfen“, um die Hermetik zu durchbrechen. Etwa so, als wolle man einem Schwerhörigen durch besonders lautes Sprechen zum Verständnis verhelfen (dabei ginge es nicht um Lautstärke, sondern um Verständlichkeit).

    Das Kartell der Ignoranz – wenn ich es einmal pathetisch formulieren möchte – hat natürlich auch ökonomische Gründe. Aber das nur am Rande.

    Blogs sind natürlich nicht „tot“. Aber der feuilletonistische Blog ist überflüssig. Entweder man reduziert die Bedeutung auf eine rein private Ebene (dann müssen mich die Essgewohnheiten und Bürotratschereien des Bloggers interessieren) oder man hat ein „Thema“, in dem man sich in irgendeiner Form auskennt; Nischenwissen halt..

  6. zu a)
    schwer zu widersprechen, weil so schön formuliert. Welcher Art die sind, die so scheinen wie Bildungsbürger, weiß ich natürlich nicht, aber sie lamentieren über bestimmte Themen, kanonisieren andere, usw. und entsprechen dem Bild, dass ich von Bildungsbürgern habe. Auch wenn ich selbst ein hedonistischer Postmaterieller im fließenden Übergang bin…
    zu b)
    berechtigter Einwand. Dennoch kann man auch ein wenig Schattenboxen beobachten, wenn es um diese Themen geht (im Feuilleton). Ein wenig wie die Besen des Meisters…
    zu c)
    Das mit der Teilkultur, Splitterkultur etc. und den einzelnen Gruppen, die das Bloggerländle bevölkern halte ich für einen sehr Berechtigten Einwand. Wir reden über Medien/Werkzeuge (Blogs) nicht über Inhalte – ein Thema dass gern von Bloggern verwechselt wird.
    zu d)
    das selbstreferentielle Gerede dient m.E. der Fudamentierung einer eigenen Tradition.
    zu e)
    Blog`s not dead at all, mein Schatz.

  7. Gewagte Thesen, lieber Nerone

    ein paar andere zurück:

    a) es gibt gar kein Bildungsbürgertum mehr, nur noch Besitzbürgertum auf der einen und hedonistische Postmaterielle auf der anderen Seite – in fließenden Übergängen
    b) Fernsehdebatten, Mediendebatten, Big Brother und Talkshows sind im Gegensatz zu Punk und ( ehemals ) Rock’n Roll keine Angstmacher für das Establishment, sondern dessen originäre Erfindungen
    c) bei allem Respekt für alle Blogger – sie sind wohl weniger Subkultur als Splitterkultur oder, um es weniger negativ klingen zu lassen, Teilkultur, denn sie repräsentieren gleichermaßen den Spießer wie den Revoluzzer, den Opern-Fan wie den Autonarren.
    d) alles selbstreferentielle Gerede über Blogs hebt diese noch nicht in höhere Qualitätssphären
    e) der Blog ist tot, denn er ist in der „Süddeutschen“, in der „Zeit“ und selbst bei mir analogem Arschloch angekommen – rest in peace…

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