Speichen

 

Ich gestehe: Hin und wieder fabuliere ich. Also mehr noch als gewöhnlich, wenn ihr am Ende meiner Beiträge „so oder ähnlich“ lesen könnt.

Aus gegebenen Grunde veröffentliche ich mal eine Skizze, die ich etwa vor einem Jahr geschrieben haben muss, anlässlich der damaligen Tour de France. Ich bin nun nicht Fahradverrückt wie Christoph oder mein Freund Struppek. Das Thema erschlägt einen einfach des Sommers. Außerdem liest sich das Ganze in den Medien wie ein Moritat. Und es geht um Moral und so. Struppek, der erfahrenere Radfahrer und Schreiber von uns beiden, bot mir das Thema für unsere kleine gemeinsame Schreibwerkstatt an (Thema: Speichen – glaube ich). Das nur zur Einleitung…

Ich trete gegen eine Kulisse von Zuschauern an. Zeugen, die die Strassen säumen und unsere lange Schlange radfahrender Verrückter durch die weichen Hügel dieser Landschaft begleiten. Die Speichen sind nur Schatten. Ich bin nur ein Schatten. Vor mir fährt der, der immer führt, gefolgt von denen die immer folgen. Mal werden die Folgenden gewinnen – meist jedoch der, der führt.

Begleiten lassen wir uns von Wagen voller Drogen. Sie die vorne fahren sind Schattenwerber für die Chemiekonzerne die sie zu Siegern machen. Und wir die hinten fahren sind die Masse die sie schiebt. Der Peloton. Oh wie mich das ankotzt. Wir sind die Fußsoldaten, der Pöbel, den die Schnellen als Beleg für ihre Außerordentlichkeit missbrauchen – das Verfolgerfeld die Hoffnungsträger, gehören schon zum Kreis der Exklusiven. Sie sind die Auserwählten.

Oh, wie ich es hasse die Strassen der eigenen Helden aus Kindertagen in diesem Bataillon von Versagern abzufahren. Man sollte meinen die Gemeinschaft der Verlierer schmälert die Schmach die uns begleitet. Wir alle haben die Ideale vor Augen, die uns auf die Räder drängte. Und eines ums andere brach zusammen und heute sind wir Räder ohne Speichen – ein Schatten unserer Träume und Ideen. Geopfert wird zuallererst die Sportlichkeit – und was ist das schon? Hier bist du allein!

Ein Mal will ich versuchen auszuscheren. Doch dann erwartet mich der Druck des Peloton. Denn wenn du unter ihnen fährst, aber versuchst raus zukommen, nach vorne, dann sind sie unerbittlich und drängen dich zurück in ihre Reihen. Die Gemeinschaft der Schwachen erlaubt keine Individualität. Nein, nein. Wenn du versuchst auszubrechen um das eine Mal Verfolger zu sein, dann drängen sie sich vor dich und machen sich breit oder eng – einer Amöbe gleich und drängen dir ihre Willenlosigkeit auf, die du in einem Moment des Größenwahns, in dem das Adrenalin deine Blutbahnen überschwämmt, vergessen hast. Und du fällst zurück in die Reihen der Verlierer, um eine Schmach reicher. Deine Leidensgenossen sind das eine mal Sieger gebleiben. Deine Schmach, ihr Sieg. Und du selbst? Einmal mehr Besiegter im Kampf gegen die Mittelmäßigkeit. Du erntest den Spott auf ihren Gesichtern und die Kraftlosigkeit des Verausgabten. Das nächste mal wird ein anderer das erleiden und ich werde es allen anderen gleich machen. So ist das.

Gleich nach der Ebene folgt ein Nadelöhr. Eines der gefährlichsten der Strecke für die Masse, in der wir treiben. Hier wünschte ich, an dem Rand des Kolosses zu schwimmen. In seiner Mitte nämlich bist du den Kräften des Peloton ausgeliefert. Wir rollen auf ein Städtchen mit engen Gassen zu, in dem sich die Hauptader des Stroms, dem wir folgen verengen wird. Nur fahren wir nicht gerade darauf zu, sondern werden mit der Wucht der Masse zuvor in eine Kurve hinein gedrückt. Und wenn wir die erste Kurve überstehen sollten, dann werden viele von uns den schnellen Richtungswechsel im Ort selber nicht überstehen. Dort werden einige fallen, kurz vor dem ruhigen Plätzchen mit der steinernen Kirche – nieder gestreckt von der Gewalt des Mittelmäßigen. Wir alle kennen die Gefahr und halten dennoch wie die Lemminge Kurs.

Kein Gedanke mehr. Nur das sirren der Räder und mein Atem. Raus aus dem Peloton; Raus aus der Masse; An den Rand, an den Rand. Vorwärts, bleib nicht zurück.

Wer vorne ist kann noch mit der Geschwindigkeit spielen, ist zumindest Herr seiner Handlungen und wenn er fällt, dann weiß er warum. Wenn du aber von der Lawine erfasst wirst bist du Machtlos und voller Angst. Diese Angst trägt dich weg und nicht selten bezahlt dein Körper die Fehler der anderen. Wieder Opfer – eine Last mehr.

Während wir auf die Kurve zu donnern fühle ich machtlos die Dornen an Händen und Füßen, die sich gegen meinen Willen hier aufzuhören, abzusteigen und alles hinter mir zu lassen.

Hoffentlich geht alles gut.

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