Wozu spirituelle Lehrer im 21. Jahrhundert?

Rüdiger Sünner hat versucht den Druck aus dem Kessel zu lassen. Er steuert zwei, drei grundsätzliche Fragen ein, die durchaus interessant sind. Wer mag, kann diese in der Folge besprechen.

Sünner fragt:

Brauchen wir heute noch so etwas wie “spirituelle Lehrer” und was ist ein solcher überhaupt? Wo hört das “Lehren” auf und beginnt der Eingriff in Willenssphären, der zu Verletzungen führen kann? Wo umgekehrt schlägt “Lernen” in Hörigkeit und Abhängigkeit um? Woraus besteht genau die “Gefahr” eines Gurus, wo doch Cohen niemanden zwingt, sein Schüler zu werden?
Hält unsere Gesellschaft möglicherweise keine Erfahrungsmuster mehr dafür bereit, um gute von schlechten “Lehrer”, “Erleuchtete” von egoistischen Machtstrategen zu unterscheiden? Ich persönlich mag Begriffe wie “spiritueller Lehrer”, “Erleuchtung” oder “Einweihung” nicht besonders, hätte es lieber eine Nummer kleiner. Für mich ist auch Steiner kein “Lehrer”, sondern bestenfalls ein Anreger oder Inspirator. Reicht das nicht? Wozu also “spirituelle Lehrer- und Schülerschaft” im 21. Jahrhundert?

Rüdiger Sünner (auch ab und zu info3-Autor)

7 Antworten

  1. Hallo!
    Sehr interessante Fragen!

    Wenn jemand nun mal „mehr am Kasten hat“ als ich, warum sollte ich diesen Menschen nicht als Lehrer ansehen?
    Die Gesellschaft hält mir nichts bereit was ich noch lernen möchte.
    Und ein Guru der nur auf Macht aus ist, der kann sich nicht halten. Leider gibt es auch solche – das weiß ich.
    Abhängig wird man von einem spirituellen Lehrer dann, wenn man nicht in sein eigenes Inneres geführt wird. Jeder Mensch der zu sich selbst findet, ist frei und unabhängig.
    Manipulation: Wir alle werden manipuliert – und dabei nicht mal gefragt ob wir das möchten.
    Ich bitte bei einer spirituellen Ausbildung regelrecht darum wieder zurück manipuliert zu werden. Es ist dabei schließlich nötig sich von alten Denkmustern und Vorstellungen wieder zu befreien.
    Und zurletzten Frage: Ja, die Welt hatte gute spirituelle Lehrer noch ie nötiger als JETZT.
    Wünsche allen eine angenehme Zeit!
    Daniela

  2. Hallo Nerone,

    Das in der New-Age-Kultur verbreitete Guruwesen scheint mir eine wirkmächtige Verschmelzung des psychoanalytischen Konzepts der therapeutischen Deutungshoheit mit den asiatischen Traditionen von Meister-Schüler-Verhältnissen im hinduistischen und buddhistischen Kontext zu sein. Entstanden ist das Ganze im Gefolge der Humanistischen Psychologie und wurde durch den Brennstoff theosophischer Kosmologien angeheizt, die einen Weltenplan spiritueller Reife und Weisheit aufstellten, der zumindest für Menschen, wenn nicht auch für Steine, Pflanzen, Tiere etc gilt. Die Fortschrittsmetaphorik der Aufklärung, dass menschliche Ontogenese doch der zivilisatorischen Entwicklung der Hochkultur Europas entsprechen müsste, dürfte der Funken zum Anzünden des Prozesses gewesen sein.

    Eine bemerkenswerte Parallele: auf der eine Seite das wuchernde Durchdringen der Gesellschaft mit psychoanalytischen, später psychotherapeutischen Profis, auf der anderen Seite das Wuchern des westlichen Guruwesens. Da trifft das psychologische Entwicklungsmodell (von infantil/neurotisch zu erwachsen/bewusst) wunderbar auf das Schichtenmodell unterschiedlich spirituell entfalteter Daseinsweisen. Und so wie beide Gruppen erst in Randmilieus (den Intellektuellen, den Künstlern, den Aussteigern und Hippies) verbreitet waren, so wurden sie beide doch in den Mittelschichten sehr beliebt. Beide Gruppen halten sich im übrigen für renegat, für subversiv hinsichtlich der Ansprüche der Gesellschaft, weil sie doch „der Emanzipation des einzelnen Menschen dienen“. Ist man erst erleuchtet bzw. seelisch geheilt, dann funktioniert man angeblich nicht auch nicht mehr richtig. Bei beiden dürften hier frappierende Selbsttäuschung vorliegen.

    Bemerkenswert ist wie gesagt wie sich beide Modelle im Zuge der Selbsterfahrungskultur annäherten und mittlerweile in einem immer grösser werden Graubereich miteinander verschmolzen werden. Dieser Verschmelzung entspricht einer Verschränkung von eher kontemplativen Fertigkeiten, die es zu erlernen gilt, mit denen von eher sozialen. Der „Erleuchtete“ soll zugleich auch ein Reifer sein, ein Könner des Lebens sein. Hinter diesen Vorstellungen von der Zweckhaftigkeit dieser neuen professionelle „Erleuchtungsexperten“, die wir ähnlich anheuern wie die Erziehungsexperten, Medizinexperten, Emotionsexperten, Familienkrisenexperten, steckt eine ganz einfache menschliche Erfahrung: Es gibt aus der sozialen Erfahrung gespeiste Standards, wie vernünftig, reif, mitfühlend, umsichtig, weise, gerecht etc jemand ist. Es gibt also Standards anhand denen sich das Vorhandensein einer Tugend messen lässt, die für das menschliche und zwischenmenschliche Gedeihen sinnvoll sind. Und Menschen sind gemessen an diesen Standards unterschiedlich weit vollkommen oder geübt, wenn es um diese Tugenden geht.

    Ich sehe die Ursache dieses Expertenphänomens vor allem in drei Phänomen, die alle seit dem Morgendämmern des modernen Staatswesen existieren:

    – Die Auflösung der sozialen Strukturen in den hoch flexiblen, desintegrierenden Industriegesellschaften des Westens, mit ihrem wachsendem Maß an Anonymität und schwindender zwischenmenschlicher Verantwortlichkeit.
    – Die aus dem christlichen Priesterwesen übernommene Bereitschaft, daß Gelehrte, Wissenschaftler und später dem Wissensschaftsapparat zugeordnete (Human- und Sozial-) Techniker nicht demokratisch kontrolliert werden müssen, sondern einen Nimbus der besonderen Wahrheit haben, überall dort, wo sie ihn beanspruchen.
    – Dem Bestreben des industriell-bürokratischen Apparats, die Funktionsfähigkeit des Gesellschaftskörpers durch den Einsatz von Spezialisten und Ordnern zu erhöhen, die spezifischen Zielen verpflichtet und damit lenkbar sind..

    Ich glaube nicht dass es darum geht, nocheinmal die Frage zu stellen, ob wir die „spirituellen Experten“ brauchen. Sie werden gebucht, so wie Psychologen gebucht werden. Ich glaube auch nicht, daß wir die Nachteile dieses Modells nocheinmal diskutieren müssen. Die Berichte darüber sind Legion, und auch bei der Psychologie macht sich in unserer Kultur ein Bewusstsein breit, welchen Preis wir für die Institutionalisierung dieser neuen Zunft gezahlt haben. Sie werden aber solange im New-Age-Milieu vorherrschen, solange es keine partizipatorische Alternativen in Gemeinschaften gibt, die diese Verschmelzung der beiden Fertigkeitsgebiete (kontemplativ und zwischenmenschlich) prinzipiell gut heißen. (Die Verschmelzung selbst aufzulösen mag zwar ebenso sinnvoll sein, aber löst nicht das Problem. Auch die sozialen Fertigkeiten werden seit etwa 200 Jahren im Zuge der Psychologisierung unserer Gesellschaft an Experten übertragen. Wir alle kennen das Phänomen jener Psychologieprofessoren, die in den Medien zwischenmenschliche Binsenweisheiten von sich geben: „Die Angehörigen der Anschlagsopfer stehen jetzt unter Schock“ etc.)

    Was wir brauchen sind konkrete Selbstermächtigungsmodelle, in denen Einübungsprozesse guten Lebens wieder aus der Autorität der Herren und Damen mit dem weißen Kittel entlassen werden. Das ist eine Aufgabe, die sich letztendlich unserer gesamten Kultur stellt. Reizvoll ist es zu schauen, wo Inkubatoren für diesen Lebensstil entstehen oder existieren. Ich selbst kenne eine Menge Menschen, mich selbst eingeschlossen, die die Rhetorik der Apologeten des westlichen Gurutums satt haben und auch nicht mehr auf die Sprüche reinfallen, wenn man dieses Modell kritisiert. Die Kritik an ihnen ist wichtig, aber spannend wird es, wo Alternativen entstehen. Glücklicherweise gibt es da ja mittlerweile einiges. Sonst wird es eine Sisyphusarbeit: Wo ein Guru aufgrund öffentlicher Kritik den Rückzug antritt, taucht der Nächste auf dem Selbsterleuchtungsmarkt auf. Die Lee(h)rstelle muss gefüllt werden.

    Die Anthroposophie ist dabei durchaus interessant für die Frage nach partizipatorischen Modellen für die Einübung von kontemplativen und/oder sozialen Tugenden. Einerseits gibt es ein elitäres Erbe in ihr, das nicht nur in der Theosophie, sondern auch in der Konzentration auf die Werke von Rudolf Steiner angelegt ist. Andererseits hat sie es ja geschafft, vielfältige demokratische Strukturen in der Szene aufzubauen. Aber das ist ein Hobby derjenigen, die sich der Anthroposophie verschrieben haben. Der Rest, wieder mich eingeschlossen, kann es sich auch leichter machen.

  3. Lieber Christoph,

    zu Rehct gefragt, hier die Antworten:
    1. Findest du spirituelle Lehrer wichtig?
    Nein, eher gefährlich.
    2. Hattest/hast du selber spiritueller Lehrer?
    Nein, wahrscheinlich nicht.
    3. Gehst du selbst einen “anthroposophischen Weg” indem du z.B. Übungen machst, die Steiner angegeben hat?
    Nein, davon hielte ich wenig. der Lebensweg ist STEINIG genug.
    4. Findest du Info3 un-anthroposophisch?
    Dazu kann ich mich als nicht-anthoposoph nicht äussern.
    Ich erhebe für mich allerdings durchaus den Anspruch un-anthroposophisch zu sein. Ich bin in die Szene hineingestolpert und nun stolpere ich hindurch und suche die zu verstehen, die ich verstehe. Versuche dem nachzugehen, was ich nicht verstehe, um es zu verstehen. Zugegeben: Mein Blog ist eher ein Frageblog, denn ein Antwortblog.
    Ich habe mich inhaltlich immer mit der eigenen Sozialisation auseinandergesetzt. So als Katholik. Ehrlicherweise (glaube ich) habe ich mich schließlich als Agnostiker charakterisiert. Schlussendlich empfand ich es als abwegig eine Alternative für die Wahrhaftigkeit der Inhalte zu suchen, die ich von der Kirche nicht ausreichend dargestellt fand. So bleibe ich wahrscheinlich immer Katholik und suche mir Gemeinden, Freunde und Vorbilder selbst aus, ohne meinen kulturellen Kontext zu verlassen.
    Dass also in der Diskussion hier von mir keine Meinung durchschimmern mag, gerade in Bezug auf die durch Rüdiger Sünner angeregte Ableitung zu der vorangegangenen Saalschlacht, bitte ich zu entschuldigen. Eine vorweggenommene Ablehnung könnte als grundsätzlich verstanden werden. Vielleicht gibt es gute Gründe für die Meisterfrage, die ich nicht kenne. Zudem interessiert mich das nun wirklich, ob die Beteiligten der Diskussion, den mitunter umfassenden Ansprüchen die sich aus Cohens und Wilburs Äußerungen ableiten lassen, folgen könnten, steckt darinnen doch ein globaler und auch gesellschaftlicher Bezug (oder verstehe ich das Falsch?) So verstehe ich im Übrigen auch Sünners Fragestellung oben. Es geht ja um Grundsätzliches, wie er schreibt. Für Menschen, die sich an spirituellen Zusammenhängen orientieren muss eine solche Fragestellung von Bedeutung sein.
    Und dann ist es ja so, dass “spirituelle Führerschaft” als Begriff doch noch gar nicht richtig geklärt wurde. Muß das ein Lehrer sein? Was ist z.B. mit dem “Mainstream”? Ist das nicht vielleicht auch so ein Fluß spiritueller Ausprägung? Oder George Bush? Oder die hübsche “Britney” (worin vielleicht der Wert der Satire liegt)? Antifaschismus? etc. Wenn ich so anfange nachzudenken fallen mir hunderte Wertevermittler ein. Ich bin da kein Spezialist auf dem Gebiet. Ich folge meiner eigenen Philosophie.
    Der Philosophie des Blassen Schimmers.
    so oder ähnlich

  4. Liebe Leser,

    Jens Heisterkamp hat einen Beitrag im info3 blog veröffentlicht und ich will – da der Hausmeister angesprochen wurde – darauf reagieren.
    Dazu möchte ich Nerones großzügige Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, weil weiß auf schwarz tippen schön ist und weil Nerone uns nicht als spam behandelt. Danke Nerone!

    Über Heisterkamps Beitrag habe ich mich gefreut, weil ich ihn schätze und weil der Beitrag inhaltlich und nicht bloß polemisch ist. Die Verärgerung kann ich ihm nachfühlen, schließlich wurde seine redaktionelle Schwerpunktsetzung in Zweifel gezogen.

    In Heisterkamps Beitrag werden neue – zum Thema gehörige – Bereiche angerissen, die ich für sehr wichtig und interessant halte und auf die ich nach und nach eingehen möchte; wies die verfügbare Zeit erlaubt.
    Die Diskussion hat sich ausgeweitet, es wäre schön wenn sie noch anhielte und sich vertiefen könnte.

    Heisterkamp beginnt gleich mal mit Steiner und der strengen Auswahl und Hierarchisierung der esoterischen Schule, den Klassen, der Hochschule und Steiners Kontrolle über alles und jedes und der subjektiven, bruchstückhaften, relativ beliebigen Rezeption seiner Lehre heutzutage.
    Wenn mir Steiner als ein omnipotenter, kontrollsüchtiger Guru erschienen wäre, hätte ich mich nur sehr kurz für ihn interessiert. Daß er als Guru gesehen wurde, liegt nicht nur an den theosophischen Gebräuchen, sondern an dieser menschlichen Sehnsucht nach idealisierbaren Objekten überhaupt.
    Wie Auswahl, Zulassung zu den Klassenstunden etc. erfolgte, welche Konflikte überliefert sind, könnte man ja historisch beforschen, – aus meiner (beschränkten) Lektüre habe ich eher den Eindruck, daß Steiner Talente entdeckte und weckte, eher einlud als verhinderte und das alles recht spontan und ad hoc, schließlich brauchte er Mitarbeiter.
    Nun zur persönlichkeitsläuternden Wirkung des Lehrers: auch Steiner ist es nicht gelungen kleinliche und gemeine Haltungen zu verhindern, er hat sich mit appeasement in seiner engsten Umgebung abgeplagt — der Lehrer kann uns nicht besser machen, das können wir nur selber.
    Dazu sind die Nebenübungen eine wirklich praktische Anleitung.

    so viel für heute!
    ein Hausmeister

  5. Lieber Nerone,

    in deinen Beiträgen kann ich häufig keine Meinung herauslesen, so erlaube ich es mir, dir mal ein paar Fragen zu stellen:

    1. Findest du spirituelle Lehrer wichtig?
    2. Hattest/hast du selber spiritueller Lehrer?
    3. Gehst du selbst einen „anthroposophischen Weg“ indem du z.B. Übungen machst, die Steiner angegeben hat?
    4. Findest du Info3 un-anthroposophisch?

    Liebe Grüße,
    Christoph

  6. sehr schön rüdiger,
    glatte eins, würde ich sagen. inhaltlich schöne formulierungen. auch die rückführung der verantwortung auf den schüler (innerhalb der beziehung lehrer-schüler) ist ein aspekt der hilfreich ist für ein reflektion.
    andererseits lese ich hier noch die sehr persönliche ebene, die eigene erfahreung heraus. die antwort auf die frage von felix hau, durchaus. deine fragestellung, die ich ausserhalb nochmal gepostet hatte, schien aber auf einen gesellschaftlichen ansatz hinzuweisen. eine fragestellung, die ja Cohen, wilbur und gronbach zu bewegen scheint. hinzu kommt die frage nach der spirituellen bedürftigkeit der gesellschaft. wiewohl ich keine antwort darauf geben könnte interessiert mich schon ob ein gesellschaftlicher “bedarf” von spiritualität gesehen wird. und wie gehen wir mit der zunehmenden diversifizierung der spirituellen angebote, wege, etc um. die meisten leser dieses blogs haben ja sicherlich ein entsprechendes spirituelles bedürfnis (thema: sinnsuche) und einige haben darüber einigkeit erlangt, benutzen also dieselben codes um ihre einigkeit entsprechend zu manifestieren. andere benutzen für dieselben sehnsüchte andere codes und schon geraten wir in so eine art saalschlacht, weil die einen die codes der anderen ablehen MÜSSEN (oder eben vielleicht auch nicht, jedenfalls geschah das hier). das alles finde ich spannend.
    so oder ähnlich
    ps
    ich tauge ja nicht viel als moderator.
    ich werde den beitrag jetzt mal hier und noch mal in dem post zu der offenen post… als guter gastgeber überlasse ich es meinen leser wo sie weiterdiskutieren wollen.

  7. Weiter lesen bei „Offene Post“.

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