Enlightenment light

Ich habe auf Anraten von Sebastian Gronbach mal einen Text von Cohen gelesen: „Eine Erklärung der Integrität“.

Cohen denkt in seinem offenen Brief an Freunde und Gegner über seine Integrität nach, über die Kategorie des Narzissmus, Erleuchtung, Machtmissbrauch, Berufenheit, Neues Zeitalter, Ego/Selbst, Freiheit, Gefangensein, Revolution, Stagnation, etc. Ich habe hier mal ein paar Auszüge, die ich begleitet von einer lauten Stimme aus dem Off gelesen habe:

Ich bin immer ganz offen darüber gewesen, dass ich ein Guru im wahren Sinne des Wortes bin, und das in einer Zeit, in der dieses Wort ironischerweise auf jedem Fachgebiet – die Spiritualität ausgenommen – mit Respekt benutzt werden kann. Was mich anbetrifft, ist jeder spirituelle Lehrer, der diese Bezeichnung verdient, jeder echte Guru, jemand, der ernsthaft versucht, Menschen nicht nur auf einen höheren Bewusstseinszustand zu bringen, sondern auch auf eine höhere Entwicklungsstufe – wodurch ihr Schwerpunkt auf der Spirale der menschlichen Entwicklung buchstäblich nach oben verlagert wird. Doch in unserer postmodernen Kultur wird jedes Konzept von etwas Höherem als dem Individuum und ihrem oder seinem sensiblen Selbst mit Misstrauen oder Verachtung behandelt. Tatsächlich wird Pluralismus, besonders in spirituellen Kreisen, als Zeichen spiritueller Entwicklung gesehen: Alles ist eins, und vor den Augen Gottes sind wir alle gleich und perfekt, genau so, wie wir sind. Alles, was die dem narzisstischen Selbstgefühl innewohnende Perfektion in Frage stellt, wird als ultimative Bedrohung für die weit und breit größte Illusion betrachtet. Und das ist es auch! Und deshalb bin ich es auch

[die Stimme: Wie im ganzen Text setzt sich der Autor und Lehrer stark mit seiner eigen Person auseinander. Nun ja, Cohen behauptet auch nirgendwo nicht ein narzisstischer Mensch zu sein. Allerdings verhallt die Kritik an der postmodernen Kultur und die Einforderung eines höheren Konzeptes in dem ichbezogenen Meister-Schüler-Modell. Was Höheres ist, gern. Aber wohl kaum als Lehrstück eines selbst ernannten Meister und Gurus. Wie will ein Dritter Mir Selbsterkenntnis vermitteln. Vermittelt bekomme ich Fremderkenntnis]

Und ich glaube, dass es jedem, der es mit der Entwicklung des Bewusstseins und damit, wirklich die Welt zu verändern, ernst meint, das Gleiche abverlangen wird. Es ist kein Spiel und auch kein Hobby. Deshalb wird das erste Prinzip meiner Lehre, welches den Grundstein für alles andere legt, Klarheit der Absicht genannt, und es besagt, dass einem, um Erfolg zu haben, der Wunsch sich zu entwickeln wichtiger als alles andere werden muss.

[die Stimme: Dies ist das spannende Phänomen der vorbeugenden Indikation. Wer nicht die Klarheit der Absicht besitzt, der fällt raus. Cohen hatte diese Aussage vorher schon varbereitet:]

Dieser revolutionäre Aufruf, den Weg ganz bis zu Ende zu gehen, ist es, so denke ich, was die Menschen anzieht und was das Besondere meiner spirituellen Lehre ausmacht. Ich glaube auch, dass es genau das ist, was alle, bis auf die ernsthaftesten und engagiertesten, in so tiefes Wasser geführt hat, dass sie nicht darin zu schwimmen bereit waren.

[die Stimme: Das ist für mich so ein Punkt wo sich religiöse Kommunities EntGesellschaften. Interessanter Weise behaupten diese Gruppen aber evolutionäre, revolutionäre oder sonstwie geartete Wege zu bereiten die der ganzen Menschheit und Gesellschaft zugute kämen. Da gefällt mir der alte Erlösungsmythos der kat. Kirche (wie ich ihn erinnere) besser, der klarere Grenzen zieht. (Im Grunde verlaufen die Grenzen aller Ausschlußgesellschaften am längs der selben Gräben.) Cohen bleibt nach meiner Lesart aber weiterhin schwammig.]…

Der Weg, den ich Radical Impersonal Evolutionary Enlightenment oder einfach Evolutionary Enlightenment nenne, ist ein vollständiger Weg, der vollkommenes Engagement mit dem spirituellen Leben in einem postmodernen Kontext ermöglicht. Das bedeutet nicht, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, sich mit diesem Weg auseinander zu setzen und von ihm zu profitieren, wenn man sein eigenes Leben lebt – ich habe in der Tat ein ganzes Netzwerk internationaler Schüler, die genau das tun.

[die Stimme: Cooles Verkaufsgespräch. Hier hatte ich so das Bild eines Filialeiters in weissem Kittel mit blauem Revers.]

Aber natürlich wird das radikale und revolutionäre Wesen meiner Vision als Bedrohung des Status quo unserer postmodernen, egalitären, pluralistischen Kultur empfunden, in der die vorübergehenden Launen und Wünsche des Individuums, ob es nun erleuchtet ist oder nicht, immer als heiliger angesehen werden als jeder höhere Kontext, Ruf oder Sinn.

[die Stimme:…heiliger angesehen werden als jeder höhere Kontext, Ruf oder Sinn. Und davor steht dann so ein bitterer und beleidigter Tonfall -oder lese nur ich das so? Ist nicht eine große Idee groß genug um nicht über ihre Außenwirkung zu reflektieren? Ich meine Giordano Bruno hat sich verbrennen lassen für seinen Glauben (immerhin). Er war die Idee, die behauptet Wahrheit untrennbar von seiner Person. Ohne Inquisition hätte er vielleicht nur beleidgt in der Ecke gehockt. Gallilei widerrief seine Aussage bezüglich der Kugeltheorie. Seine Entdeckung, so wusste er, würde auch ohne seine Erkenntnis bestand haben. Da geht einer mit einem Schulterzucken und flüstert lächelnd vor sich hin: und sie dreht sich doch… Ich spreche diese Größe auch denen nicht ab, die sich mit Esoterik beschäftigen. Es gibt einige bei denen diese Haltung zu erleben ist. Cohen scheint nicht dazu zu gehören.]

Die Idee, ein Revolutionär zu sein, hat etwas sehr Romantisches, und für postmoderne Narzissten, welches die meisten von uns sind, kann das ein unwiderstehlich faszinierendes Selbstbild sein. Aber ob hinter diesem Selbstbild auch Substanz steckt, ist eine andere Frage. Wenn man die Geschichte betrachtet, waren die Menschen, welche tatsächlich eine Revolution durchführten und das Alte zerstörten, um das Neue zu erschaffen, bereit, für ihre Ideale zu sterben.

[die Stimme: siehe oben…]

Wenn man allerdings kein wirklicher Revolutionär ist – sich aber mit der Idee, einer zu sein, identifiziert, dann kann die wachsende Erkenntnis, dass man nicht wirklich bereit ist, den Preis zu bezahlen, welcher in diesem Fall die Transzendenz des Egos bedeutet, das eigene Selbstbild zutiefst erschüttern, nämlich dass man ein starkes und mutiges Individuum sei, welches sich einem höheren Ziel hingegeben hat. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich das erlebt habe. Ironischerweise ist es die schlimmste Beleidigung für das Ego, sich seiner eigenen Unwilligkeit, sich selbst zu transzendieren gegenüber zu sehen. Dieses einfache, aber tragische Dilemma ist der Kern der unverminderten Verbitterung und narzisstischen Wut einiger meiner ehemaligen Schüler.

[die Stimme: siehe oben…]

Was ich aber lehre, ist, wenn ich es so sagen darf, eine neue Erleuchtung, in welcher das Ziel keine persönliche Errungenschaft, sondern ein neues Bewusstsein, das im Intersubjektiven entsteht und das für uns alle große evolutionäre Bedeutung hat. Daher sage ich, dass das Ego aus einem viel wichtigeren Grund problematisch ist: denn in dem Maße, wie wir uns mit ihm identifizieren, verhindern wir unser eigenes Potenzial, am evolutionären Prozess bewusst teilzunehmen. Wenn das Ziel ist, in der Zeit und mit dem Verstand eine neue Entwicklungsstufe zu schaffen, ist das Ego kein persönliches psychologisches Problem mehr. Es ist das einzige Hindernis zur Entstehung einer verheißungsvollen Zukunft. Diese Lehre ist der Schaffung dieser Zukunft gewidmet.

[die Stimme: Wow!]

usw.

so oder ähnlich

5 Antworten

  1. Es war schon anstrengend genug, diese Passagen von Cohen zu lesen.

    Ein Text, der dauernd Floskeln enthält wie „… unserer postmodernen, egalitären, pluralistischen Kultur …“ oder „… wodurch ihr Schwerpunkt auf der Spirale der menschlichen Entwicklung buchstäblich nach oben verlagert wird.“ ist auf die Dauer schwer genießbar.

    Es geht um diese typische Todessehnsucht: alles ist Scheiße, wir sind in einer Sackgasse, etc. ABER wenn das Ego stirbt, erwacht das Selbst. Siehe zum Beispiel: „Wenn man die Geschichte betrachtet, waren die Menschen, welche tatsächlich eine Revolution durchführten und das Alte zerstörten, um das Neue zu erschaffen, bereit, für ihre Ideale zu sterben.“ Der ganze Text ist in diesem Tenor.

    Ich will aber das Neue schaffem, ohne zu sterben. Ich will meine Ideale leben, und zwar jetzt. Es kann sein, dass ich was falsch mache, dass ich Probleme habe, aber auf dem richtigen Dampfer bin ich jetzt schon. Ich muss nicht eingeweiht werden, damit ich endlich richtig leben kann.

    Noch ein Zitat und seine Analyse:
    „Wenn das Ziel ist, in der Zeit und mit dem Verstand eine neue Entwicklungsstufe zu schaffen, ist das Ego kein persönliches psychologisches Problem mehr. Es ist das einzige Hindernis zur Entstehung einer verheißungsvollen Zukunft.“
    So ein Quatsch. Der erste Satz ist richtig, der zweite ist falsch. Ich will mit dem Verstand – mit meinen geistigen Fähigkleiten – eine neue Entwicklungsstufe schaffen (neue Erfahrungen machen). Das Ego ist dafür überhaupt kein persönliches Problem. Genau. (Es war auch nie eins.) Also ist es auch kein Hindernis, sondern Wegweiser zur Entstehung einer verheißungsvollen Zukunft.
    Das Ego muss nicht überwunden werden, sondern ist das, was wächst. Wer es ablehnt, verpasst alle Chancen, ein selbstbestimmtes spirituelles Leben zu ergreifen.

  2. […] Enlightenment light […]

  3. Liebe Barbara
    Du meinst wahrscheinlich Cohens Reden vom Willen zur Freiheit. Wie man diese Abhängigkeit von ihm nun als Freiheit deuten will, ist mir schleierhaft. Hallo! Wir sind hier nicht in Lhasa!

  4. das einzige was ich wirklich kritisch finde ist, dass er glaubt andere menschen auf eine „höhere stufe“ heben zu können, stufe hin oder her, aber die arbeit kann nur jeder selber und alleine machen, allerdings sagte auch kühlewind, dass ein „offener“ mensch, helfen kann bzw „bweirken“ kann, das andere leichter auch offen werden. das funktioniert allerdings wohl nur in anwesenheit udn nur so lange, also ohne eigenarbeit nichts von dauer.
    was bei cohen bestechend ist, ist sein unbedingter wille zur freiheit. wer ihn da ernst nimmt, kann ihm als guru natürlich nicht folgen,-)

  5. Wow! Toll geschrieben!

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