Die Folgen

Die Folgen ausbleibender Auseinandersetzung sind unter anderem hier nachzulesen. Sicherlich sind die Stimmen der Antifa nicht Ideologiefern. Auch wenn man berücksichtigt, das die linksradikale extrem linksextreme radikale linke Esoterik nicht die Wahrnehmung der Massenmedien widerspiegelt, geht aus dem Text dort doch einiges hervor das in den Breitenmedien gehör findet. Da steht also:

Die Anthroposophie steht in der Tradition der völkischen deutschen Romantik sowie der okkultistischen und lebensreformerischen Bewegung um 1900. Die rassistischen, antisemitischen und sozialdarwinistischen Ideen der Zeit wirken bis heute in ihr fort. Die Wahnvorstellungen der Anthroposophie prägen die Waldorfpädagogik, LehrerInnen werden nach den Ideen Steiners ausgebildet. Vor einigen Jahren wollte das Bundesfamilienministerium ein Buch indizieren lassen, das der Bund der Waldorfschulen zur Unterrichtsvorbereitung empfohlen hatte, und in dem ein enger Mitarbeiter Steiner geschrieben hatte: “Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.”

Ich hab mal hervorgehoben was so alles hängen bleibt. Wer auf die pauschalen Aussagen keine so konkreten wie auch differenzierten Antworten kennt, der sollte im Grunde die Finger von der Waldorfpädagogik lassen. Das selbe gilt für die Auseinandersetzung mit Steinerzitaten.

so oder ähnlich

20 Antworten

  1. Finde ich gut, dass auf diesem Blog Steiner jetzt auch mal im grösseren Zusammenhang gelesen wird. Hilfreich dazu auch die von nerone in Quellen II verlinkte Steiner-Zitatesammlung zu „Nationalismus und Volksseelen“. Darin fand ich ein paar wichtige Sätze, die auch helfen zu verstehen, ob wir es in der Anthroposophie mit vermeintlichem oder echtem Rassismus zu tun haben. Steiner nennt selbst das „Volksseelen“-Thema ein „gefährliches“ Thema und er schlägt vor, „die Volksseelen nicht einander gegenüberzustellen in Opposition, sondern sie aufzurufen zu harmonischem Zusammenwirken.“ „Wir dienen der gesamten Menschheit am besten, wenn wir das in uns besonders Veranlagte entwickeln, um es der gesamten Menschheit einzuverleiben als ein Opfer, das wir dem fortschreitenden Kulturstrom bringen.“ (S. 15) In dieselbe Richtung gehen auch Bemerkungen, wonach der geistig wirklich Suchende ein „heimatloser Mensch“ werden, d.h. sich von festen Bindungen an Volks- oder Blutzusammenhänge lösen muss. (51) „Wenn wir den Seelenblick auf das richten, was wir als des Menschen höheres Selbst bezeichnen, da verliert der Ausdruck Nationalität seine Bedeutung.“ (54) Wir hängen also mit unserer „Volksseele“ eher lose als mit einer Farbe zusammen, die man heute vielleicht als verschiedene Mentalitäten bezeichnet, die aber nicht das Zentrum unserer Persönlichkeit ausmacht. Einem wirklichen Rassisten würde sich bei solchen Bemerkungen der Magen umdrehen.

  2. Lieber Christoph,

    Der zweite Punkt:
    „Wenn hier von dir und den Kommentatoren eine fehlende Auseinandersetzung der anthroposophischen Bewegung mit den Aussagen Rudolf Steiners zum Thema Rassismus und Antisemitismus bemängelt wird, frage ich mich doch, warum auch hier in deinem Blog vor allem eine Auseinandersetzung mit “Vorwürfen” und “Schelte” stattfindet, anstatt eine solche mit den entsprechenden Steinertexten selbst.“

    Ich bin einfach hinterher. Ich treffe, seit ich begonnen habe, auf Leute die alle mindestens eine Textstelle mehr kennen als ich. Nicht nur: Die einen sagen sie hätten es so und so erlebt, die anderen behaupten – ja, ja, so steht es da, aber gemeint ist es anders. Dann gibt es den Klassiker: den „Gesamtwerkmythos“. Ein nahezu unschlagbares Argument.

    Die Auseinandersetzung zwang mir als erstes auf, mich mit den Positionen rund um das Thema zu beschäftigen. Die Zitate fliegen ja zu genüge rum. Das ist für einen Anfänger erste einmal Arbeit genug. Der nächste Schritt wird sein die Volksseelen mal zu lesen, auch wenn mir davor graut. Ich werde meinen Eindruck gerne wiedergeben und ich sehe das auch als eine meiner nächsten Etappen.

    so oder ähnlich

  3. Christoph,

    Ahrg…, da hast du mich erwischt. Ich laviere manchmal. Das ist nicht gut. „Vermeintlicher Rassismus“ ist die Frage. Richtig?
    Ich stelle mich dem so:
    Steiner sagt:
    1. Es gibt eine auf individuelle, geistige Freiheit.
    2. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit
    (Und Steiner meint nicht den Bürger, sondern bereits alle Menschen)
    3. Steiner stellt sich in Aussagen DEUTLICH gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus.

    Und Steiner redet in theosophischen Kontext (nach 1900) von:
    1. Rassen.
    2. Farben.
    3. Typen.
    4. Volksseelen.
    5. Hierarchien
    Die Aussagen oben sind nicht beherrscht von einem destruktiven Moment, wohl aber enthalten sie alle Ingredenzien für einen offenen rassistischen Elitarismus.

    In der Gesamtschau ist Steiners Haltung nicht identisch mit den rassistischen Aussagen. Steiner in seiner Zeit verstehen, hieße demnach verstehen, wie ein Mensch, der die brutalen Folgen der Ausgrenzung und Herabsetzung von anderen Menschen und Menschengruppen vorausschauend erkennt, dennoch rassistisch argumentiert. Das finde ich in hohem Masse spannend. Und das meine ich mit „vermeintlich“. Ich traue mir kein Urteil zu seiner Person zu, wohl aber zu den isolierten Aussagen und vor allem aus heutiger Sicht.

    so oder ähnlich…

  4. wow, da war man kurz wandern und dann das. ich muss das erst mal verdauen.

  5. Lieber Christoph,
    die Frage ist doch die gleiche wie beim Fussball, warum wurde Fussball verboten in Waldorfschulen, weil viele Anthroposophen vom Hören Sagen vernommen haben, wahrscheinlich auch von Vortragsrednern, dass Steiner Fussball nicht gut findet oder schädlich u.s.w. you name it…Es dauerte wieviele Jahrzehnte um das in Info 3 nachzulesen, dass dies alles Blödsinn ist.
    Was passiert in dem Moment, wo Menschen Steiners Völkerpsychologie oder die Missionen der Völker für abstruse politische Erklärungen gebrauchen. Steiners umstrittenen Zitate sind soweit ich weiss alle posthum veröffentlicht worden oder? In nicht durchgesehenen Vortragsschriften. Ich nehme jetzt ein Beispiel aus Steiners Werk: GA 173,S.163-165,1966,17.12.1916
    “ In der regel kann eine Persönlchkeit wie Dante nie zustande kommen aus einem hommogenen Blut heraus.(…) das heisst, es muss verschiedenes Blut zusammenfliessen.“
    So der eine findet das als einen Beweis, dass Steiner rassistisch gedacht hat und der andere findet es harmlos oder aus dem Zusammenhang gerissen. An dieser Stelle ist es sehr wichtig für Steiner welcher Rasse ein Mensch angehört. Das Lustige ist, bei ihm ist es nie hetzerisch oder eliminatorisch gemeint. Er macht sich Gedanken. Für mich ist es Rassismus, weil das Blut uns die wichtigste Information über einen Menschen gibt. Amerikanische Mediziner entwickeln ja im Moment verschiedenste Medikamente für verschiedene Rassen. Ist das auch Rassismus?
    Ich weiss es nicht. Für mich ist wichtig wie die Rezeption dieser Aussagen Steiners bei den Antroposophen aussehen.
    Ich hoffe das gehört immer noch alles zum Thema?
    Alles Liebe Andreas Geiss

  6. Andreas: Bei Info 3 bemüht man sich um Öffnung und Dialog, leider gibt es dort auch Kolumnenschreiber, die sich derart äussern, dass man dem Vorwurf, dass die Anthroposophie aus der rechten Ecke kommt, nur schwer widerlegen kann.

    Nun, der Vorwurf scheint aber – ganz offenbar – auch nicht gerade leicht zu widerlegen zu sein.

  7. Nerone: …Anfeindungen bezüglich Steiners vermeintlichen Rassismus (ich meine den globalisierten, dem gesamten Werk unterstellten)…

    Handelt es sich deiner Meinung nach bei Steiner also nicht um Rassismus, sondern nur um „vermeintlichen“ Rassismus? Was meinst du mit „vermeintlichem Rassismus“?

    Wenn hier von dir und den Kommentatoren eine fehlende Auseinandersetzung der anthroposophischen Bewegung mit den Aussagen Rudolf Steiners zum Thema Rassismus und Antisemitismus bemängelt wird, frage ich mich doch, warum auch hier in deinem Blog vor allem eine Auseinandersetzung mit „Vorwürfen“ und „Schelte“ stattfindet, anstatt eine solche mit den entsprechenden Steinertexten selbst.

  8. Rüdiger: …Auch eine Art von Totalitarismus, hinter dem Antriebe von Eliminierungslust stecken, die sich – getarnt hinter “hehren Idealen” – hemmungslos austoben können…

    Hoppla, Rüdiger, wenn du mal in Fahrt kommst, werden bei Antisemiten – oder wie du es vorsichtig nennst „Leute die sich unkorrekt äußern“ – auf ganz wundersame Weise zu Opfern einer fiesen Kampagne. Na sowas!

  9. Rüdiger: Gerade die Deutschen scheinen Probleme mit Ambivalenz bei grossen Dichtern und Philosophen zu haben. Sie können z.B. auch Benn, Knut Hamsun, Heidegger, Louis-Ferdinand Celine, Ernst Jünger, Ezra Pound kaum mehr als geniale Dichter schätzen, weil sie sich irgendwann einmal politisch unkorrekt äusserten.

    Also ich als Deutscher habe keine derartigen Ambivalenz-Probleme. Viele große Dichter und Denker (auch solche der Aufklärung, wie z.B. Kant) waren Antisemiten – traurig, aber wahr. Allerdings hat nicht jeder seinen Antisemitismus in seinen Werken propagiert. Mit „politischer Unkorrektheit“ hat das nichts zu tun. Antisemitismus ist Teil unserer Gesellschaft, gestern wie heute.

  10. Andreas: …Jakob Wassermann, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Buch ”Christoph Columbus” warnend auf den Holocaust hinweist, weil die Idee der überlegenen weissen Rasse gepaart mit dem Darwinismus unweigerlich zum Völkermord hinführt…
    So wie diese Aussage in ihrer ganzen Kürze hier steht, ist sie doch ein bisschen zu vereinfachend, wie ich finde. Die strukturalistische Vorstellung von Umständen, die unweigerlich zum Völkermord führten, ist revidiert worden. So ein gänzlich unfreies Objekt böser Ideen ist der Mensch dann doch nicht.

  11. Nerone: Wer auf die pauschalen Aussagen keine so konkreten wie auch differenzierten Antworten kennt, der sollte im Grunde die Finger von der Waldorfpädagogik lassen.

    Genau! Nur ist das ein Wunschtraum. Denn nur ein kleiner Teil derer, die an Waldorfschulen unterrichten, haben Rudolf Steiner in dem Umfang gelesen UND verstanden, wie es für eine differenzierte Sichtweise auf Steiners „Rassen“ nötig wäre.

  12. Natürlich gibt es weniger Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, nicht aber wegen Steiners Philosophie, sondern weil der Ausländeranteil prozentual im Vergleich zu anderen Schulen
    extrem niedrig ist an Waldorfschulen. Ich kenne Eltern, die sich gerade diese Schule aussuchen, damit ihr kleiner Kai-Uwe nicht neben Murat Achmed sitzen muss. Bei Info 3 bemüht man sich um Öffnung und Dialog, leider gibt es dort auch Kolumnenschreiber, die sich derart äussern, dass man dem Vorwurf, dass die Anthroposophie aus der rechten Ecke kommt, nur schwer widerlegen kann. Aber das Bemühen ist da und ich will hier nicht weiter auf eingehen und rummäkeln.
    Ich bin gespannt auf Ihren Film Herr Sünner und wünsche Ihnen Erfolg dabei.
    Gruss Andreas Geiss

  13. Es gibt sicher Anthroposophen von diesem Schlage, aber es gibt z.B. auch die wissenschaftliche Studie von Prof. Christian Pfeiffer, die zeigt, dass an Waldorfschulen weniger Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus vorkommen als an anderen Schulen: http://www.waldorf.net/html/aktuell/pfeiffer_studie.htm Ich erlebe bei meinen Besuchen in Berliner Waldorfschulen (drehe gerade einen Dokumentarfilm über Rudolf Steiner) zur Zeit auch durchaus Selbstkritisches bei den Lehrern, kaum einer nimmt Steiner pauschal und nur unkritisch in Schutz. Auch anthroposophische Medien wie info3 und die Flensburger Hefte tun das längst nicht mehr. Ich denke, die Auseinandersetzung ist schon in vollem Gange, wie ja auch zahlreiche Veröffentlichungen zeigen. Schüler von Berliner Waldorfschulen beschäftigen sich im Unterricht mit Rassismus, Kolonialismus, Apartheid und fertigen Plakate dazu an. Was sind diesbezüglich die konkreten Erfahrungen von Nerone, der immerhin Kinder an einer Waldorfschule hat?

  14. “ Was ist schädlich an einer Debatte?“
    Nichts und es könnte innerhalb der Anthroposophie vielmehr davon geben. Wenn die Wurstverkäuferin fragt, darfs ein bisschen mehr sein, dürften die Anthroposophen zum Thema “ Nationalgeist und Rassismus“ ruhig sagen: Ja bitte! Ich glaube, dass würde viele Kritiker auch zum Schweigen bringen.
    “ Das “ Gespräch“ einer Gesellschaft definiert und formt das Weltverständnis eines Individuums weitgehend. Wenn in einer Gesellschaft gewisse Überzeugungen und Vorstellungen nicht in Frage gestellt werden oder dominieren, dann werden die einzelnen
    sie in der Regel als selbstverständliche Wahrheiten akzeptieren“
    In: “ Hitlers willige Vollstrecker“ von Daniel Goldhagen. Leider wurde dieses Buch von einer grossen Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit als Moralkeule empfunden. “ Bis zur Vergasung“(ein noch geflügeltes Wort in Süddeutschland am Stammtisch) hörte ich, das kann man sich heute nicht vorstellen wie das war und ausserdem der Stalin…u.s.w. Es liegt mir ferne
    Steiner in die Ecke der Nazis zu stellen, aber und da liegt meine Entäuschung, da wird über das Denken philosophiert über Wirkung und Ursache von Billardkugeln ( Philosophie der freiheit),die aufeinander stossen, debattiert, aber über das Weltbild von Steiner wie er die Welt, die Völker und deren Missionen sah, wird abgewinkt. Warum? Ich glaube einfach weil es peinlich genau zeigt, dass Steiner aus der österreichischen Provinz stammt, die eine Kolonie der K.und K. Monarchie war. Rassismus kommt so versteckt daher, dass es wichtig ist, immer aufzuzeigen wo es im Denken beim Menschen anfängt um es dann zu defragmentieren. Eine Vorgehensweise, die Steiner in all seinen Werken vorschlägt.
    Lieber Herr Sünner, ich hoffe Sie bekommen nicht den Eindruck, dass ich die “ Antriebe meiner Eleminierungslust“ in hehren Ideale austoben möchte, aber diese fragen beschäftigen viele Menschen, deren Leben eng mit der Anthroposophie verknüpft sind.
    Und ich denke Nerone will wissen wie sie diesen Diffamierungskampagne als Schulmutter begegnen kann, im Gespräch mit kritischen Freunden und Angehörigen. Da hilft relativieren nicht viel! Ich kann das nur aus eigener Erfahrung bestätigen, wo “ Anthroposophen“ in Gegenwart eines Afrikaners vom fehlenden Ich der schwarzen Rasse sprachen.
    Alles Liebe Andreas Geiss

  15. Hochspannend! ich bin mal diesem Link (http://www.copyriot.com/sinistra/discus/messages/211/113.html) gefolgt. Da geht es um Marx in einem Forum und um einen Text : „Die Judenfrage“ (http://gutenberg.spiegel.de/marx/judenfra/judenfra.htm). Die Kontroverse entwickelt sich ganz leise aber doch entschieden über die Frage wie Marxens Text zu verstehen sei. Dank dem Link ist der Text bei http://www.gutenberg.spiegel.de nachzulesen. Ich werde es tun.

  16. Lieber Rüdiger,

    danke, dass Du das gesagt hast.

    „Doch haben die oben genannten Denker Impulse für Sozial- und Bildungseinrichtungen in Afrika, Lateinamerika, Indien, Asien geschaffen, wie Hunderte von Waldorfkindergärten und -schulen in aller Welt?“ Diese deine Frage formuliert letztlich meine Hochachtung vor der Performance der Anthroposophie und dient mir auch als Beleg für ihre ethische und moralische Ausrichtung.

    Eine der wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchung formuliert sich in der Frage: „Was steckt dahinter?“

    Vielleicht kam das nicht gut im Kommentar von mir oben durch. Ich suche derzeit – oder auch als nächstes – nach „positiven“ Analogien unter Steiners Zeitgenossen, die erlauben den Blick abzuwenden von den geführten Anfeindungen bezüglich Steiners vermeintlichen Rassismus (ich meine den globalisierten, dem gesamten Werk unterstellten). Ich suche nach Analogien, die beispielsweise seine Aussagen meinetwegen mit denen Rosa Luxenburgs vergleichen ließen – oder Karl Liebknecht, oder Che Guevara (ok – andere Zeit). Das wäre nicht nur interessant, sondern auch noch lustig! (Bezogen auf den Grundzug der Kritiker)
    Die Widersprüche zu benennen finde ich dennoch wichtig. Gerade in Zeiten der Anfeindung gehörte es sich für jene die mehr in Steiner sehen als einen Spinner und oder ähnliches das klar zu umreißen, was zu schätzen ist und was nicht.

    „Hier wird nicht über vermeintlich rassistische Stellen im Werk Steiners debattiert, wie es deutsche Intellektuelle so lieben, sondern früh aufgestanden und mit Liebe, Kreativität und viel Tatkraft gehandelt.“ Das ist schön und gut. Aber da die Vorwürfe sich aus meiner Perspektive gegen die Schule meiner Kinder richtet sehe ich mich gezwungen dem nach zugehen und eine Haltung dazu zu entwickeln. Nicht oder? Was ist schädlich an einer Debatte?

  17. Martin Luther, Voltaire, Karl Marx schrieben Haarsträubendes über die Juden und doch bleiben viele ihrer Gedanken gross und wichtig auch für unsere Zeit. Um ihren „Rassismus“ wird nicht annähernd so viel Wirbel gemacht wie um den angeblichen von Steiner. Doch haben die oben genannten Denker Impulse für Sozial- und Bildungseinrichtungen in Afrika, Lateinamerika, Indien, Asien geschaffen, wie Hunderte von Waldorfkindergärten und -schulen in aller Welt? (siehe etwa http://www.waldorfschule.info/index.61.154.1.html) Ich war gerade auf der anthroposophischen Sekem-Farm bei Kairo und habe die dortige medizinische, soziale, künstlerische und bildungsmässige Förderung ägyptischer Dorfkinder hautnah erleben können. Hier wird nicht über vermeintlich rassistische Stellen im Werk Steiners debattiert, wie es deutsche Intellektuelle so lieben, sondern früh aufgestanden und mit Liebe, Kreativität und viel Tatkraft gehandelt. An solchen Orten entfalten Steiners Sätze über den Vorrang des Individuums vor aller Rassenzugehörigkeit ihre Wirkung und nicht einzelne – aus unserem Blickwinkel tatsächlich haarsträubende – Stellen über „ichschwache“ Schwarze und „austerbende Indianer“. Vielen fällt es schwer zu akteptieren, dass grosse Geister auch grossen Unsinn schreiben können, aber warum sollten sie nicht ebenso widersprüchlich sein wie jeder von uns? Gerade die Deutschen scheinen Probleme mit Ambivalenz bei grossen Dichtern und Philosophen zu haben. Sie können z.B. auch Benn, Knut Hamsun, Heidegger, Louis-Ferdinand Celine, Ernst Jünger, Ezra Pound kaum mehr als geniale Dichter schätzen, weil sie sich irgendwann einmal politisch unkorrekt äusserten. Heute trifft solche Schelte Leute wie Handke, Botho Strauss, Martin Walser, jüngst auch Günther Grass – und eben gerne auch die Anthroposophie. Schelte ist noch zu schwach ausgedrückt, hierzulande geht es oft bis zu aggressiven Totaldiffamierungen und regelrechten Rufmordkampagnen. Dann ist auf einmal das ganze Werk schon durchseucht von faschistischen Keimen und man möchte am liebsten den ganzen Denker entsorgen. Auch eine Art von Totalitarismus, hinter dem Antriebe von Eliminierungslust stecken, die sich – getarnt hinter „hehren Idealen“ – hemmungslos austoben können. Vielleicht denken wir auch mal über diese Mechanismen nach, wenn mal wieder Steiner in die Nähe von Hitler gerückt wird.

  18. Danke für den Zuspruch.

    Und auch für die Hinweise auf weitere Literatur.

    Mich interessiert zunehmend auch das Gesellschaftsbild in dem Steiner lebte. Ich frage mich ob die Außerordentlichkeit Steiners, dem von Seiten der Anthroposophen ja „modernität“, bzw. „visonäres“ unterstellt wird, nicht von anderen großen Geistern ebenso luzide wahrgenommen wurde. Ich frage mich ob nicht in der gleichen Vehemenz von anderen Denkern, Dichtern und Wissenschaftlern gegen den Rassismus, den Antisemitismus opponiert wurde.
    Ich will wissen ob Steiners Darstellung vielleicht weniger einer Frage geistiger Schau waren, sondern eher im Geiste seiner Zeit formuliert wurden, um vielleicht dann fest zu stellen, dass es um den Zeitgeist geht, über den wir sprechen. Ich suche in diese Richtung, weil es verständlich machte, wie ein Mensch, der im wesentlichen und in großer Zahl Aussagen gegen den Rassismus und den Antisemitismus vorbringen konnte, dennoch in einem rassischen und darwinistischen (evolutionär, anthropologischen) Geschichtsbild mit okkulter Prägung verfangen war.
    Damit soll also nicht Steiners Klarsicht im Nachhinein getrübt werden (nicht meine Absicht). Es ist nur anzunehmen, dass Steiner sich mit seinen Zeitgenossen beschäftigte und somit vielleicht auch deutlich wird, welcher zeithistorische Kontext treffender für die Beurteilung Steiners herangezogen werden kann, als der politische Rassismus und Antisemitismus, bis hin zum Nationalsozialismus.

    Lieber Andreas, alles gehört zum Thema 😉

    so oder ähnlich

  19. Lieber Nerone,

    schön hast du das gesagt. Du hast deine Ansicht einleuchtend dargestellt.

  20. Liebe Nerone,
    danke für Deine Nachforschungen. Seit Jahren beschäftigt mich “ die ausbleibende Auseinandersetzung“ in Sachen Rassismus in der Anthroposophie. Es wird relativiert und klein geredet. Am schlimmsten finde ich die Aussage Steiner war halt ein Kind seiner Zeit. Es gab auch Menschen, die dem Begriff von Rassen und Völkern immer skeptisch gegenüber standen z.B. Jakob Wassermann, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Buch “ Christoph Columbus“ warnend auf den Holocaust hinweist, weil die Idee der überlegenen weissen Rasse gepaart mit dem Darwinismus unweigerlich zum Völkermord hinführt. Im Jahre 1838 hat Herman Merivale in seiner Vorlesung über “ Kolonisation und Kolonien“ folgendes gesagt: “ Die europäische Siedlungsgeschichte, ganz gleich ob in Amerika, in Afrika oder in Australien, weist überall dieselben charakterzüge auf: der Vernichtung der Eingeborenen (…)“ Steiner setzt sich von den Hardcorerassisten ab indem er den Darwinismus mit Theosphismus ersetzt, dadurch ist er schwieriger zu verstehen und ist nicht so furchterregend, aber er hat die gleiche elitäre Haltung den Einwohner Afrikas gegenüber, wie der gewöhnliche Bure in Südafrika, natürlich etwas feiner und nicht ganz so grob. Jedem Volk eine geistige Aufgabe z.b.den Engländern die Bewusstseinseele, den Deutschen das ICH u.s.w.zu ordnen zu wollen, ist schon ein hierarchisch elitäres Denken oder habe ich alles missverstanden.
    “ Ihr wisst schon genug. Ich auch. Nicht an Wissen mangelt es uns. Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu wollen, was wir wissen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen. “ aus: “ Durch das Herz der Finsternis“ von Sven Lindquist. Ein wichtiges Buch über Rassismus und dessen Entstehung in Europa.
    Ich weiss nicht, ob das alles noch zum Thema gehörte. Vielen Dank für Deine Muhe hier auf diesem Blog zu recherchieren und ich wünsche, dass noch mehr Anthroblogger ins Gespräch mit Dir kommen.
    Alles Liebe Andreas

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