Mischpoke

Ich denke hier lässt sich ablesen welch absurde Szenen manche unreflektierten Äusserungen hervor bringen können, die sich auf eine wörtliche Übertragung der Thesen Steiners beziehen und dessen religiösen Implikationen.

Kurz zusammengefasst: Eine renommierter anthroposophiescher Arzt hält einen Vortrag und refereiert über die Christuskraft, die die Dreijährigen vom Krabbeln zum laufen anregt. Da fragt sich diejüdische Blogautorin und ihre Freundin, die diese Veranstaltung besuchten doch zu recht: Und wir? Was aber sagt der renommierte Anthroposophische Arzt: Darüber habe er noch nie nachgedacht! Na denn…

Übrigens kann man den Blog der Mischpoke gern durchstöbern. Es ist ein netter Einblick in das Leben einer Großfamilie. Ausgewanderte, Ossis, Juden – echte Deutsche eben (ohne Christusimpuls).

3 Antworten

  1. Das mit dem Christus-Krabbel-Impuls ist ein gutes Beispiel für die Sprachohnmacht mancher Anthroposophen, die dabei noch nicht einmal merken, dass sie nicht verstanden werden oder sogar andere vor den Kopf stossen. Wahrscheinlich hat der Arzt den „Ich-Impuls“ gemeint, der beim Kind für das Aufrichten verantwortlich sein soll. Und diesen soll nach Steiner eben Christus in die Welt gebracht – oder man müsste wohl besser sagen, verstärkt haben, denn es macht ja keinen Sinn, allen vorchristlichen oder ausserchristlichen Kulturen den „Ich-Impuls“ abzusprechen (was aber manche Anthros tun). Steiner meint, das Judentum habe den Boden für die Verstärkung des Ich-Impulses bereitet, den dann aber erst Christus verstärkt und zum wichtigsten Evolutionsziel gemacht habe. Jesus sagt zu seinen Jüngern, dass sie Vater und Mutter, ihre Sippe etc. verlassen müssten, wenn sie seine Schüler werden wollten: „Einweihung“ ins Christliche gibt es also erst durch Befreiung von den Blutsbanden, durch Unterordnung unter einen universalen Gott, der für alle – nicht nur für einen bestimmten Stamm – gilt. Problematisch bei dieser Verklärung des Christus-Impulses als dem wahren Verleiher von Ich-Kraft ist die damit verbundene unterschwellige Diskriminierung anderer Religionen, die dann demgegenüber „zurückgeblieben“ erscheinen müssen, z.B. Judentum, Buddhismus etc. Christus wird dann der Avantgardist, der den „archaischen Sumpf“ anderer, ich-fremderer Kulturen erst überwindet. Als Frage bleibt natürlich, warum das Christentum dann so brutal gegen Ketzer, Häretiker, Hexen etc. gewütet hat, statt sich über deren ausgeprägte Ich-Kraft zu freuen? Und ob nicht das Christentum erst durch die Aufklärung wirklich zu einem Bewusstsein der Bedeutung des „Ich“ kam? In der anthroposophischen Szene wird allerdings die Bedeutung des Christlichen inzwischen sehr unterschiedlich diskutiert. Das reicht von Felix Hau’s ketzerischen Bemerkungen in info3 (http://www.info3.de/ycms/artikel_1492.shtml) bis zum Auftreten einer angeblich Stigmatisierten (Judith Halle), die behauptet, Ereignisse von vor 2000 Jahren „schauen“ zu können. Steiner selbst ist da – wie immer – widersprüchlich und vielschichtig, schwankt meiner Meinung nach oft zwischen christlichen und heidnisch-pantheistischen Farben. Kurz vor seinem Tode – im Jahre 1924 – steht er begeistert vor der Artus-Burgruine in Tintagel/ Cornwall und schwärmt „heidnisch andächtig“ von der Schönheit der Naturkräfte, die in Sonne, Regen, Wind und Meeresbrandung spürbar werden. Durch diese Textstellen strömt etwas Frisches, Lebendiges, Offenes, das viele christologische Stellen bei ihm nicht haben. Seltsamer Typ, hin- und hergerissen zwischen griechischen, germanischen, keltischen Gottheiten und den Engeln und Erzengeln der Bibel. Vielleicht macht es Sinn, wenn man ihn als Anreger für die Frage nimmt, wie wir in unserer Brust heute diese Kräfte zusammenbringen, die ja vielleicht alle auf ihre Art eine tiefe Existenzberechtigung haben?

  2. Bist Du dem Link oben gefolgt?
    Darin macht R. deutlich, dass Christus nicht Ihr Referenzpunkt ist. Dem wollte ich – etwas salopp, das gebe ich zu – in meinem Kommentar Rechnung tragen.
    R. besuchte mit der Regierung (Autorin von Mischpoke) zusammen diesen Vortrag. Beide Juden, beide irgendwie in Waldorfzusammenhängen und beide wie mir schient von dem Vortrag recht kalt erwischt.
    Insofern ist dieser Vermerk nichts anderes als ein Hingucker für Anthroposophen. So sie dem Link folgen, wünschte ich mir ein Nachdenken oder Erläutern dieser Begrifflichkeit. Vor allem von Vortragsreisenden.

  3. Wieso ohne Christusimpuls?

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