Zweierlei Maß

Ich bin als Reaktion auf den Versuch einer Zusammenfassung, den ich hier veröffentliche auf eine spannende Fragestellung getroffen. R. Sünner äußerte in einem Kommentar zu meiner Untersuchung sein Unverständnis, wie es sein kann, dass man anthroposophisch esoterischen und okkulten Inhalten anders bewertet und begegnet als beispielsweise denen des Dalai Lama. Auf der einen Seite wird schmutziges vermutet, auf der anderen erleuchtetes – zumindest aber gehen wir mit Sympathie auf den Dalai Lama zu (z.B. innerhalb der Medien etc.).

Nun ich will meine Gedanken mit einer kleine Geschichte beginnen. Meine Mutter ist Italienerin. Sie hat gelernt ein hervorragendes Deutsch zu sprechen, so wie auch ein perfektes Englisch, jedenfalls hat sie nicht den „italian sound“ der gemeinhin bei Italienern angenommen und erwartet wird. Sie scheint ein gewisses Talent für Sprachen zu haben. Nur mit dem Französischen hapert es. Es ist nicht so, dass sie es nicht verstünde, aber wenn sie gezwungen ist, ein/zwei Worte heraus zu bringen, dann klingt sie wie eine deutsche Soldatin aus einem beliebigen Film der Alleierten während und nach dem großen Krieg. Aus ihrem Munde verliert sich sämtliche Melodie der französischen Sprache, aber auch ihre eigen, die italienische, scheint nicht durch. Einmal gestand sie mir, dass sie gerade bei der Sprache der Franzosen, mehr noch als beim Spanischen, das Gefühl habe, ihr würde ihre Sprache geraubt und verzerrt. Sie könne einfach keinen Gefallen an dieser Sprache finden die ihr einerseits leicht verständlich wäre, andererseits von ihr verlange bekanntes ganz anders auszusprechen.

Das ungleiche Maß dem die Menschen, die sich innerhalb der Anthroposophie bewegen und Steiner verstehen gelernt haben ausgesetzt fühlen, rührt wahrscheinlich aus einem ähnlichen gelagerten Reflex heraus. Ich begegne den Schriften Steiners und lese Dinge, die ich aus guten Grund, aber auch einer reinen Emotion folgend, ablehne. Dazu gehören beispielsweise auch die Verknüpfung okkulter und esoterischer Inhalte mit christlichen, dazu gehört die Suche nach einer Nähe zur Wissenschaft, bei einer gleichzeitigen Anfeindung der Wissenschaften. Dazu zähle ich den Duft der Überheblichkeit, die aus seinen Rassenmodellen ableitbar ist (ich sage nicht das Steiner überheblich war, ich kenne ihn ja kaum) und die sich innerhalb seines ganzheitlichen Modells wahrscheinlich in jedes gesellschaftliche Glied herabreichen lässt.

Die religiösen und kulturellen Analogien führen bei mir innerlich zu einer Übersteuerung. Hier kommt mir Steiner zu nah und übertritt alle Grenzen, die ich mir erlaube zu setzen – auf Grundlage wovon? Steiner deutet kulturell, gesellschaftlich vereinbarte Bilder um und entstellt sie um seine theosophischen Inhalte in die („meine“) Kultur und Gesellschaft seiner Zeit einzubauen. Wahrscheinlich habe ich auch deswegen meine Probleme mit seiner Sprache, weil sie Worte benutzt, die ich nicht in dem Zusammenhang sehen kann, in dem er sie gebraucht. Das nehme ich ihm irgendwo übel. Dazu kommt noch der Stempel der Dogmatik, die Steiner selbst – dank eines Zitats durch Sünner belegbar- so nicht in Anspruch nehmen wollte. Für mich persönlich entstehen nach der Lektüre an den beschriebenen Stellen Reibungspunkte. Die Lektüre allerdings habe ich nicht begonnen um Steiner zu verstehen, sondern den Geist, der die Menschen trägt, die sich gesellschaftlichen und pädagogischen Aufgaben verschrieben haben und dies mit großem Ernst und Engagement tun. Mich interessieren weniger Steiners Ideen -die ich letztlich für unbeweglich halte- als die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Auf mich wirkt Steiners Kosmos so als würde er sich ständig aus Gewesenem begründen. Ich empfinde den Gedanken des karmischen der alles durchdringt nicht als Gewinn sondern als schwere Last, zumal wir lediglich der Deutung Steiners „glauben“ können jetzt da oder da zu stehen. Und vor allem steht er im Gegensatz zu der geistigen Welt aus der ich komme (allerdings um das nochmals zu betonen: mit der Anmaßung in „meine“ Welt hinein zu greifen).

Warum kann ich also wahrscheinlich einem gelassenen buddhistischen Mönch mit größerer Gelassenheit begegnen? Wahrscheinlich, weil der wahrlich in sich ruht, wenn ich ihm begegne, so wie ich ihm gegenüber in mir ruhen kann. Wir nehmen uns nichts, wir ergänzen uns. Um die Welt der Buddhisten zu verstehen und ihre okkulten Inhalte, kann ich ihre originären Geschichten und Kulte hören und sehen, ohne in einen Konflikt zu geraten. Ihre Weisheit, ihre Geschichte, ihre Philosophie stehen nicht mit einem Fuß in meiner Welt, sondern neben ihr. Ich kann sie wertfrei betrachten und aus ihr lernen. Sie dient als (philosophischer? existentieller?) Impuls. Vielleicht kann Abgrenzung Nähe schaffen?

Dem steht eine Begegnung gegenüber, die von den weiter oben beschriebenen Antagonismen begleitet wird. Sich der Antagonismen klar zu werden, um eine Abgrenzungen zu erreichen, die mir einen gelassenen Dialog ermöglicht, ist für mich ein Inhalt dieser Arbeit. Es ist ja so: Ich gehe mit Interesse auf die Anthroposophie zu, aber nicht um deren Schüler zu werden, sondern um mir eine Meinung zu bilden. Mehr kann ich und will ich nicht leisten.

7 Antworten

  1. […] Philosoph zum Theosoph? Die Frage tauchte in der Diskussion zu meinem Beitrag “zweierlei maß” und Rüdiger Sünner formuliert das so: Auch die Trennung von Goetheanismus und Theosophie […]

  2. Es ist schön wenn sich in meinem Heim alte Bekannte wieder treffen!

    Mir hat der zweite Teil Ihres Kommentars, Herr Sünner, besonders gut gefallen: Steiner als Künstler, die „Akasha-Chronik“ als „Herrn der Ringe“ – das finde ich sympatisch. Die Künstlertheorie ist mir selbst einmal in Bezug auf Steiner aufgekommen – aber weis-nicht-wo und ob ich sie auch tatsächlich notiert habe, oder ob mir die doch von jemand anderem eingegeben wurde.

    Was mir weiterhin sehr gut gefällt, weil ich das sehr spannend finde, ist die Frage nach dem Grund für Steiners Hinwendung zur Theosophie. Die von Ihnen angedeuteten weltlichen und biographischen Erklärungen dazu finde ich ganz entspannt und kannte sie bisher noch nicht. Ich weis wohl, dass Felix Hau versuchte Steiners Initiationlegende eine andere Wendung zu geben. Auch die Anthroposophie als Experimentierstation gefällt mir als Idee. Ich habe übrigens mittlerweile mit Interesse Ihren Artikel in Info3 „Geheimes Deutschland“ gelesen.Tatsächlich liegt es an Menschen wie Herrn Eggert und den Leuten bei info3 (also auch Ihnen), dass mit dem Sprach-update Inhalte so besprochen werden, dass eine Beteiligung an Debatten jenseits der Lektüre Steiners möglich macht. Auf der Seite „nerone fragt nach“ finden Sie meine Begegnung dem „Anthroposophisten“ Herrn Eggert beschrieben.

    Die Gleichung von Herrn Lambing: „Steiner-Blavatsky“ und ihre Auflösung würde mich interessieren. Jedenfalls stimme ich mit den zwei Punkten in Lambings Kritik überein, dass „eine kritikfähige Theoriesprache“ und eine „Trennung des goetheanische(n) Erbe(s) von dem theosophischen“ eine weniger befangene Begegnung mit Steiner erleichterten.

    -objektive Erkenntnis (Wissenschaft) gegenüber Fertigkeit als Leitmotiv des Handelns-, das ist für mich noch ein zu schwerer Brocken. Ich werde mich da in Grundlagen einlesen müssen. Aber ich danke für den Hinweis. Ist als Fertigkeit jedoch Beispielsweise das Denken einzusetzen, dann kann ich dem Dilemma, das Lambing damit andeutet, allerdings schon folgen.

    Die Borniertheit der Kritiker will ich gerne in meine zusammenfassende Betrachtung integrieren. Meine eigenen Reflexe eignen sich hervorragend als Studienobjekt. Interessant auch -als ein Ergebnis dieses Diskurses- die Frage nach Projektionsflächen.

    aus Gerresheim

  3. Hallo Julio, schön auch dich hier zu treffen, durch deine AXONAS kam ich übrigens zu nerone. Ich weiss nicht, wieviel du von Steiner selbst wirklich gelesen hast, es schimmert viel an Vermutung und second hand-Information durch. Kategorien wie Neoplatonismus, Elitarismus, Leibfeindschaft, Anspruch auf objektive Wahrheit, Fortschrittskult sind mir erstmal zu hoch gegriffen und allgemein gehalten.
    Das müsste man im Einzelfall klären. Platon muss nicht schlecht sein, auch moderne Physiker wie Heisenberg und v.Weizsäcker greifen wieder auf ihn zurück, da muss nicht unbedingt ihr Sexualleben (Leibfeindschaft) drunter gelitten haben. Jedes Philosophieren will sich vermutlich einer Wahrheit nähern und es gibt auch so etwas wie Fortschritt in der Geschichte. Streiten wir doch ruhig heftig für „objektive Wahrheit“ und „Fortschritt“, aber lösen dann auch wieder rechtzeitig alles in Lachen und Wein auf, bevor es zu klamm und streng wird. Ob das Steiner getan hat, bin ich mir nicht ganz sicher.
    In puncto Fortschrittskult ist Steiner übrigens gar nicht so eindimensional und dogmatisch: Wie er die „Weisheit“ heidnischer, vorchristlicher Mythen und mittelalterlicher Häresien (Hexen, Gralsmythen) gegen eine verhärtete Amtskirche und „modernes“ materialistisches Denken verteidigt, zeigt seine tiefe Sympathie auch für „ältere“ und scheinbar „überholte“ Bewusstseinsstufen. Davon könnten sich Habermas und Ratzinger eine Scheibe abschneiden. Die Integration von rationalem und mythischem, christlichem und heidnischen Denken ist für den „Grossen Rudi“ überhaupt noch nicht vollzogen, ich halte die Anthroposophie in ihren besten Momenten für eine offene Experimentierstation für solche dialektischen Prozesse. Schön ist deine Formulierung, der „Jargon der Engelskräfte“ solle in eine verständlichere Sprache umgeformt werden. Da stimme ich voll zu und versuche selber schon so etwas voranzutreiben, übrigens auch andere, siehe info3, Michael Eggert, auch die goetheanistischen Naturwissenschaftler, die überhaupt nicht von „Gott“, „Geist“ oder „Engeln“ reden. Auch die Trennung von Goetheanismus und Theosophie ist ein wichtiges Thema, ich habe immer noch nicht verstanden, warum der Goethe-, Nietzsche- und Haeckelbewunderer Steiner um 1900 plötzlich in den Sog der somnambulen Russin geriet. Ein Berliner Anthroposoph meinte neulich, der gesellschaftlich isolierte und verarmte Steiner hätte Geld gebraucht und in der – ja auch weltweit agierenden – Theosophischen Gesellschaft viele Zuhörer gefunden. Obwohl auch ich bei der theosophisch angehauchten „Akasha-Chronik“ stöne, fragt irgendein anarchistisches Element in mir doch auch, warum man nicht das Recht habe, selbst solch abgedrehte Dinge zu schreiben und dann lese ich den Text wie einen halluzinatorischen Roman, ein surrealistisches Epos und wünsche mir, Steiner hätte sich eher als Dichter bezeichnet und noch brilliantere Metaphern gefunden. Goethes Faust II ist ja auch so ein bizarrer, esoterischer Brocken, wo aber manchmal Funken herausschlagen, weil die Bilder so stark sind. Mein Hauptproblem mit Steiner ist wahrscheinlich, dass er keine genuin künstlerische Natur ist, sondern manchmal einen auf Priester und Philosoph macht. Aber – wie du zum Schluss zugeben musst – er hatte Mut. Mir ist kein anderer Philosoph bekannt, der so angegriffen wurde (bis hin zu Mordversuchen) und bis heute so angegriffen wird: Faszination einer Projektionsfläche, gegen die unser jetziger Papst (trotz islamischer Proteste) ein Waisenknabe ist. Bliebe weiterhin zu untersuchen, warum das so ist. In England wurde und wird Steiner übrigens entspannter rezipiert, vielleicht haben wir Deutschen da doch ein Spezialding am Laufen.

  4. Wenn Ihr alle noch wach seid, dann reagiere ich zur nächtlicher Stunde auch noch.

    Dass ein Theoretiker seine Kategorien benutzt um kulturell, gesellschaftlich vereinbarte Bilder in die Kultur und Gesellschaft seiner Zeit einzubauen, kann man ihm schwerlich vorhalten. Und ebenso finde ich den Hinweis nützlich, daß eine seltsame Diskrepanz zwischen der Feindschaft gegenüber häretischen Strömungen des zeitgenössischen Abendlandes (trotz ihrer sozialen Verdienste) und der seltsamen Kritiklosigkeit wenn es um exotische Traditionen geht. (Lassen wir mal ausser Acht, wie kritiklos Menschen auf ebenso okkulte, sprich voraussetzungsreiche Lehren von offiziell Iniitierten der naturwissenschaftlichen Ethnien reagieren.)

    Das kann den Blick für eine faire Beurteilung schärfen. Aber dann? Dann kann ich – Slogankultur hin oder her – immer noch eine verquaste Sprache ablehnen, ganz gleich ob solcherlei aus theoretischem Kalkül (wie bei den Frankfurtern) oder Unfähigkeit entstanden ist.

    Und dann kann mir immer noch die neoplatonische Überladung der Anthroposophie auf den Wecker gehen, dann kann ich immer noch diagnostizieren, daß die Hintergundphilosophie des Höhlengleichnisses in der Steinerschen Lehre einen Elitarismus birgt, der bis heute nicht überwunden ist und eine gewisse geistige Unmündigkeit zur Folge hat. (Selbst der Marxismus schaffte es in 80 Jahren Vordenker hervorzubringen, die sich im Gefolge Marxens sahen und dennoch in seiner Liga spielten. Wo sind vergleichbare in der Anthroposophie?) Ich komme derzeit in den Genuss von einem Freund eins ums andere mal die gedanken- und kritiklose Verstrahltheit aus einem anthroposophischen Betrieb geschildert zu bekommen, die ihn schier zur Verzweiflung treibt. Von der hintergründigen, mit dem Mainstream-Christentum durchaus verwandten Leibfeindlichkeit, die aus so vielen Poren der steinerschen Bewegung diffundiert will ich gar nicht erst anfangen.

    Und das hat etwas mit dem verfluchten Wahrheitsweg zu tun wie bei allen Konzepten, die im Gefolge Platons die objektive Erkenntnis (Wissenschaft) und eben nicht die Fertigkeit als Leitmotiv des Handelns haben. Und es hat mit dem weltgeschichtlichen Fortschrittskult zu tun, den Steiner wie viele andere mit der Wahrheitsideologie verband. Ein Steiner subtrahiert um Blavatsky wäre vielleicht wesentlich langsamer erfolgreich geworden, aber wäre wohl doch ein grösserer Segen für die Nachkommen. (1) (2) So aber darf man ruhig auch sagen: Danke, langweilig, hatten wir in den letzten 250 Jahren schon genug davon.

    Wir leben in einem Zeitalter, in der wir gelernt haben der Mär grundlich zu misstrauen, daß „die Lehrer und die Lehre doch tadellos ist und allein die Leute dies es derzeit umsetzen das Problem sind.“ Wenn der Marxismus jene Barbarei hervorgebracht hat, die in einem Teil der Welt herrschte, dann hat es natürlich auch etwas mit der Lehre von Karl Marx zu tun, genauso wie es eine Spur von den Kreuzzügen zu den Lehren von Jesu von Nazareth gibt oder eine Spur des doktrinären Psychopaternalismus zu Sigmund Freud. So muss sich auch der Meisterdenker Steiner gefallen lassen, wo die Mitverantwortung für das Gefolgschaftswesen in seiner Bewegung liegt, die ja schon zu seinen Lebzeiten begann.

    Derzeit grassiert eine zeitgeistige Borniertheit, in der man (leider) die Anthrosophie vor einer grassierenden Eindimensionalität des Denkens verteidigen muss. (Man muss sich ja mittlerweile schon für den akademischen Marxismus einsetzen, so trostlos ist die Lage der geistigen Toleranz.) Aber das ändert nichts daran, daß es Zeit wäre, dass die Anthroposophie selbst überlegt,

    – bis zu welchem Grad ihr eigentlicher Jargon der Engelskräfte nicht behutsam durch eine anschlussfähige und vielleicht auch kritikfähigere Theoriesprache ersetzt werden kann (und so die Steinerschen theoretischen Objekte leichter zu erforschen sind),
    – inwieweit das goetheanische Erbe von dem theosophischen (nicht unbedingt: dem okkulten!) bei Steiner getrennt werden muß, will er in demokratischen Kulturen des 21. Jahrhunderts akzeptabel sein

    Dann muss auch keiner sich durch Steiners Ouevre quälen, um zur Erkenntnis zu kommen – eine Argumentation, die ich ohnehin nie leiden konnte, bei keiner Sorte von Jargonvertreter, heißen sie nun Existenzialisten, Logiker, Anhänger der krtischen Theorie oder Lacanisten.

    Und es würde der eigenständigen Forschungs- und Denktradition, die unsere Biologie, Medizin, Altenpflege und Landwirtschaft so hilfreich bereichert nur gut tun.

    So und jetzt habe ich den Faden verloren, weil es so spät ist. Ist sicher Steiner dran schuld 😉

    Gute Nacht

    (1) Ich will den lebengsgeschichtlichen Mut, wie er sich in okkulte Abseits stellte, um geistig unabhängig zu werden, dabei nicht kleinreden. Aber das hätte er auch durch andere okkultistische Strömungen erreichen können. Gustav Meyrink bekam die Kurve wesentlich sauberer hin.
    (2) Auch die „politische“ oder kommunitäre Dimension der Theosophie, die sicherlich zu dem fruchtbaren Bewegungsaspekt der Steinerschen Lehre beitrug, will ich nicht kleinreden. Aber auch hier gab es Alternativen.

  5. Ich kann Ihnen durchaus in dem Gedanken folgen, dass kulturelle Differenz einen entspannteren Blick auf das Andere erlaubt. Deshalb habe ich ein paar Jahre lang aktiv Zen-Buddhismus betrieben, bin durch Ägypten gereist oder habe mich intensiv mit den Kelten beschäftigt. Durch mein Film- und Buchprojekt „Schwarze Sonne“ allerdings fiel mir auf, wie traumatisiert wir Deutschen in puncto Metaphysik und Spiritualität durch den Mythenmissbrauch der Nazis sind, was mich immer mehr störte. Daher beschäftigte ich mich in der letzten Zeit z.B. mit der Spiritualität der deutschen Frühromantik, was für mich sehr spannende Erkenntnisse zutage förderte (siehe dazu meinen Aufsatz in der aktuellen info3: http://info3.de/ycms/printartikel_1769.shtml)
    Steiner knüpft meiner Meinung nach an dieses Erbe letztlich stärker an, als an die indische Theosophie, was mich vielleicht auch in Kontakt mit der Anthroposophie hält. Spannend wird es, wenn man Goethe und Steiner dialektisch gegeneinander antreten lässt: die esoterische Bescheidenheit des Dichters gegen die Höhenflüge des „Geistesforschers“, aber auch wiederum das anthroposophische Weiterspinnen von Goethes Metamorphose-Idee in Bereiche von Evolution und möglicher Reinkarnation. Goethe selbst deutete ja schon so etwas an, als er beim Tod seines Freundes Wieland sagte: „Es ist immer nur dieselbe Metamorphose oder Verwandlungsfähigkeit der Natur, die aus dem Blatte eine Blume, eine Rose, aus dem Ei ein Raupe und aus der Raupe einen Schmetterling heraufführt. Ich bin gewiss, wie sie mich hier sehen, schon tausendmal dagewesen und hoffe wohl noch tausendmal wiederzukommen.“
    Ich mag die vorsichtige und poetische Art, wie Goethe dies ausdrückt eigentlich lieber, als die seitenlangen „genauen“ Beschreibungen Steiners zum Leben zwischen Tod und neuer Geburt, aber ganz kalt lassen sie mich auch nicht.

    Mitternächtliche Grüsse aus dem zur Zeit frühlingshaft warmen Berlin

  6. Sehr geehrter Herr Sünner,

    es geht mir tatsächlich darum zu verstehen wo die Grundlagen anthroposophischen Engagements zu finden sind. Sie müssen verstehen, dass ich sehr auf mich selbst bezogen hier denke. Daraus entsteht also bisweilen auch Ablehnung. Ich versuche mir darüber klar zu werden woher diese rührt, wo sie mir berechtigt erscheint, wo ich weiter im Dialog bleiben muss. Ich muss gestehen – und wenn sie die Seiten hier durchforsten, werden sie das wahrscheinlich bestätigt finden: ich komme nicht von einer spirituellen oder gar religiös motivierten Seite. Demgegenüber bin ich überzeugt, dass man mit Spiritualität viel bewegen kann. Ich lehne sie nicht als irrationalen Impuls ab, weswegen ich all das was Sie mir dazu zu sagen haben so stehen lassen will und kann.

    Das mit den Projektionsflächen, wie sie es beschreiben ist sicherlich richtig. Ich habe das Bild nur aufgegriffen, weil sie es mir angeboten hatten. Können Sie mir denn fern ab von Projektionen folgen in meiner Überlegung, dass die Andersartigkeit, die Differenz (kulturell, spirituell, oder, oder) womöglich einen entspannteren Blick auf das Andere erlaubt? Sie wissen sicherlich wie peinlich es sein kann im Urlaub einer Horde Landsmenschen zu begegnen oder auch nur einem, der sich komplett daneben benimmt. Uns befällt eine Beklemmung und wir versuchen die fremde Sprache noch betonter zu sprechen als es uns eigentlich möglich ist. Ich erkenne mich in dem Anderen und spüre die schicksalhafte Verbindung, diemir in dem Moment nicht zusagt. Das geschieht doch letztlich auch vis a vis eines Denkmodells, dass mir nah kommt, ich aber aus welchen Gründen auch immer in weiten Teilen oder aber auch nur partiell ablehne.

    Worin ich Ihnen nach einer Revision meines Textes recht gebe ist die Kritik meines selbstgewählten dogmatischen Tons in Bezug auf Steiner. Er „deute kulturell, gesellschaftlich vereinbarte Bilder um und entstellt sie um seine theosophischen Inhalte in die (”meine”) Kultur und Gesellschaft seiner Zeit einzubauen.“ Bitte sehen sie mir nach, dass das nur eine oberflächliche Betrachtung sein kann (Für stellt das eine Theorie dar die ich gern untersuchen würde). In ihrer Schärfe könnten sie es als inneren Monolog lesen, den Steiner provozieren kann.

    Ich wünsche mir für diese Seiten, dass sie zumindest keine Häme enthalten. Frei von emotional Begründeten Aussagen ist meine Seite sicherlich nicht. Wissenschaftliche Distanz liegt leider nicht in meinen Möglichkeiten.

    Liebe Grüße aus Gerresheim

  7. Das Beispiel mit den Sprachfarben ist gut gewählt, denn auch Philosophien, Religionen und Glaubenssysteme haben ihren Geschmack, von dem ich mich angezogen fühlen kann oder auch nicht. Auch ich habe manchmal Schwierigkeiten mit Steiners Sprache, das habe ich aber auch mit Kant, Hegel, Platon, Heidegger, Schelling, Wittgenstein, Habermas, Adorno, vielleicht mit fast allen ausser Nietzsche und Bloch. Ich finde bei Steiner aber auch höchst verschiedene Sprachebenen, Abgehobenes neben Humorvoll-Einfachem, Streng-Verstiegenes neben einem Ton warmer Menschlichkeit, Bierernst neben Ironie, Anmassendes neben Selbstkritik. Ob er wirklich „kulturell, gesellschaftlich vereinbarte“ Bilder umdeutet und entstellt? Was ist damit genau gemeint? Und tut das nicht jeder Philosoph, besteht daraus nicht auch die Kreativität des Philosophierens? Steiner sagt einfach trotzig: Was die Kirche mir vorsetzt, ist für mich nicht das ganze Christentum. Was die Wissenschaft mir vorsetzt, ist nicht die ganze Wissenschaft. Ich beuge mich nicht devot vor gesellschaftlichen Vereinbarungen, sondern denke selbst nach. Wegen diesem nonkonformistischen Geist wurde Steiner ja auch so angefeindet, ein Attentat auf ihn verübt und schliesslich das Goetheanum angezündet. Andere deuten gottlob auch gesellschaftlich „Vereinbartes“ um: Bei dem auch von mir hochverehrten Ernst Bloch schmeckt alles nach „Utopie“, bei Hegel alles nach „absolutem Geist“, bei Adorno nach „Dialektik“, auch Heidegger sieht selbstverständlich alles durch seine höchst eigene Brille. Das ist – finde ich – o.k. und macht den ureigenen Stil dieser Leute aus. Interessant wird es doch dann, wenn dies sich mit meinen eigenen Erfahrungen und Denkbewegungen verknüpft und ein Drittes entsteht. Welches „Dritte“ kann durch den Zusammenprall mit der Anthroposophie entstehen? Hochspannend sind z.B. anthroposophische Aktivitäten in Namibia, Indien, Japan, in den Favelas von Südamerika oder Townships von Südafrika, auch in Israel, wo eigene Traditionen, Sprachformen, Religionsformen sich mit dem Sound von „Geist“, „Ätherleib“ und „Akasha-Chronik“ paaren und manchmal Neues hervorbringen. Ein Lektüretip dazu: Anthroposophie und Waldorfpädagogik in den Kulturen der Welt (hrsg. von Stefan Leber)
    Noch ein Wort zum Buddhismus: Ich glaube nicht, dass der buddhistische Mönch mehr in sich ruht als z.B. Steiner oder mancher Anthroposoph, sondern dass hier eine positive gegenüber einer negativen Projektionsfläche vorliegt. Wer wie die schottische Religionswissenschaftlerin June Campbell jahrelang das frauenfeindliche und hierarchische Klima eines Lama-Klosters selbst miterlebt hat, schaut sicherlich auch mit einem kritischen Auge auf den sich äusserlich so sanft und tolerant gebenden Buddhismus (siehe ihr Buch „Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen“). Der Westen projiziert in alles Asiatisch-Exotische eben gerne Positives hinein, während die Anthros aus verschiedenen Gründen oft Häme und Aggression abbekommen. Ein Grund für meine Beschäftigung mit Steiner ist übrigens gerade seine Frage nach einer für Europa interessanten Spiritualität, in der Errungenschaften der Aufklärung (Wert des Ich, der Naturwissenschaft) mit Transzendenzerfahrungen verbunden werden können. Ob ihm diese Synthese gelungen ist, sei dahingestellt. Zumindest gibt es bei den goetheanistischen Naturwissenschaftlern und Biologen in der Anthro-Szene einige Ansätze dazu.

    Gruss aus Berlin

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