Zur Vernunft

An dieser Stelle ein Zitat und ein wenig Küchenphilosophie:

Gerade Menschen, die Sympathien für Weltanschauungen und Kulturen zeigen, die derzeit nicht vom abendländischen Mainstream abgesegnet sind, machen zu oft den Fehler, solche Selbststilisierungen ihrer Kritiker zu akzeptieren. Weil ihre Gegenkritik dann zu einer Vernunftkritik wird, lassen sie selbst dann gerne in die Ecke der Unvernunft abdrängen – zu einem Zeitpunkt, wo das nicht notwendig ist. Man kann sich ja gerne über die Grenzen der Vernunft unterhalten, denn auch Vernunft ist nicht sakrosankt. (2) Aber unabhängig davon, welche Haltung man zur Vernunft generell haben mag:

Vernunftapostel, die zu Unrecht dieses Banner vor sich hertragen – wozu Anhänger ideologisierter Wissenschaftsbekenntnisse gehören – sollte man ersteinmal auf die inwendigen Widersprüche ihrer Haltung, auf den Widerspruch zwischen Ideal und Verhalten hinweisen. Das alte Spiel der Skeptikerin: Man muss nicht selbst von einer Sache in einer Argumentation überzeugt sein, um dem anderen die Widersprüche in dessen Auffassung aufzuzeigen.

Quelle: Anoxas – ein Versuch – Julio Lambing

Was ist Vernunft?

Bei Wikipädia finde ich dem Sinn nach die Beschreibung, die Vernunft sei die Fähigkeit (die Fertigkeit/ dasTalent?) des Menschen, Zusammenhänge zu erkennen und danach zu handeln (dann muss der Mensch also auch bewerten können) – insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation. Demnach

[1] ist Vernuft eine subjektive Variable mit ganz unterschiedlichen Werten. Die Vernunft ist dem Etwas ähnlich das E. Bloch benutzt, um das Bin zu kleiden, damit es nicht nackig da steht. (Ich bin gerade Eitel, ich weiß. Aber diese ganze Untersuchung, die ich für mich hier anstelle, kann ich nicht ohne geistige Führerschaft wuchten.) Dieses Etwas ist ja auch Beinflusst durch seine Umgebung und schafft so dem Individuum sowohl eine Schnittmenge (Gemeinschaft) als auch ihr Komplement.

[2] nimmt schon die Absicht einer Entscheidungsfindung nach Prüfung aller möglichen und zugänglichen Quellen und der eigenen Wahrnehmung, das Ergebnis als in sich Vernünftig vorraus.

Diese Überlegung schulde ich dem obigen Zitat aus einem Kommentar von Julio Lambing auf Anoxas (*) Sie bestätigt mich darin selbstverantwortet zu denken und Widersprüche zu ertragen. Nicht zuletzt die Widersprüchlichkeit in der dann gefundenen Meinung selbst. Denn als Teil einer Schnittmenge ist es mir dennoch möglich innerhalb dieser Schnittmenge wiederum zu differenzieren oder aber den eigenen Standpunkt zu finden. Wenn ich dem Gedanken nachgehe, dann ist es auch möglich, sagen wir mal einer Institution (z.B. Kirche) skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, andererseits in ihr Vertraute und/oder Vorbilder finden (z.B. D. Bonhoeffer).

Es ist ja nicht jener Vernünftig, der allein auf den Widerspruch einer Sache zeigt und sagt: Da hast du! Und dann fordert: Lösche das aus!

Wie einfach ist es von oben herab zu schauen und zu sagen wo der kleine Pfad den Weg zum Gipfel hoch führt. Geht man den Weg aber, so sieht man das Andere auch andere Pfade für den Weg nach oben genommen haben, die von eben dort nicht zu sehen waren. Und noch etwas: der Weg den man dann eine Weile mit den Anderen geht, der kann ja vielleicht auch viel weicher sein und sicherer, als der, den man von oben her sieht.

(*) Ich kann nur zum wiederholten Male Lambings Heimatseite empfehlen. Sie ist mittlerweile als Link nebenan in der Leiste aufgenommen, auch weil dort in wesentlich abstrakteren und stringenteren Formulierungen Dinge diskutiert werden, die die Thematik der Anthroposophie und Waldorfkritik berühren, wenn auch nicht explizit. Lambing ist dabei der diktierende Moderator, der Kommentierungen nach ihrer Konsistenz hin prüft. Er nennt das sein Hausrecht wahrnehmen und lscht Kommentare die er als nicht weiterführend für den Diskurs hält. Wenn man seine Prämissen kennt, dann merkt man, wie hilfreich diese Konzentration auf die impulsgebenden Argumente der Artikel in den folgenden Diskussionen sein kann. Nicht zuletzt Lambings analystischem Talent ist es geschuldet, dass sich im philosophischen Für und Wider der Diskussionen ein Plädoyer der Toleranz entfalten kann. Finde ich…

Advertisements

2 Antworten

  1. Tja, als Gegenleistung für die Lobhudelei kann ich nun auf folgende Beantwortung einer Frage verweisen, die ja eigentlich nur Stilmittel meiner Verzweiflung war:

    https://nerone.wordpress.com/2006/12/06/mich-unbeliebt-machen/

  2. Das ist ja das schöne: Widersprüche sind ja nur für jene Sorte presslippiger Zwangsordner ein Problem, die alles was sie auch nur entfernt einer Präposition zuzordnen können, in Reih und Bürstenschnitt bringen wollen. Die bekommt frau zwar nicht überzeugt, wenn ihnen ein paar ihrer eigenen Widersprüche dargelegt werden. Aber frau erreicht zumindest, daß diejenigen, die ersteinmal beindruckt zucken, wenn die Ordner autoritär und mit herrischem Gehabe ihr „irrational“ über den Platz bellen, dann doch etwas von dem Respekt gegenüber dem Verdikt verlieren. Eigentlich weiß ja jeder vernünftige und leidlich lebenserfahrene Mensch wie wichtig Widersprüche für ein gutes und glückliches Leben sind.

    Und da wir bei Widersprüchen rund um die Toleranz sind: Ich bin auf meinem Weblog weniger ein „diktierender Moderator“ als ein moderierender Diktator. Kommentierungen, die auf meinem Weblog veröffentlicht werden, müssen nicht konsistent sein (Konsistenz schadet allerdings auch nicht.) Aber ich verwende ähnliche Siebe wie jene des Sokrates: Wenn die Kommentare mich und einem ausgesuchten Leserinnenkreis weder in irgendeiner Form weiterbringen, noch nützten und nichtmals erfreuen, dann kann ihre Halbwertszeit sehr gering sein.
    Ansonsten lauf ich bei soviel Lob bald rot an.

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: