Die Wahrheit ist – ein Resümee

Durch alle Diskussionen, die um und über die Anthroposophie geführt werden, wird die Frage nach der Wahrheit gestellt. Was hat Steiner in Wahrheit gesagt, was hat er in Wahrheit gemeint? Geht es in der Waldorfpädagogik in Wahrheit um Gehirnwäsche oder geht es dort in Wahrheit um eine Erziehung zur Freiheit? Befürworter, wie Kritiker nutzen diesen Terminus. Selbst die Fakten und Zitat bespickten Referate und Abhandlungen sind zwar wegen ihrer Sammelwut zu bewundern, folgen jedoch ihren jeweiligen Zielsetzung. Wahrheit ist nun mal eine Frage des Standpunktes. Je nach dem, welche Perspektive ich annehme, verändert sich das Bild. Das Bild ist also immer Ergebnis subjektiver Wahrnehmung.

Wenn es der anthroposophischen Bewegung und ihrer Pädagogik aber ernst ist mit ihren verschiedenen Ansprüchen in Bezug auf Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft (darunter die Medizin) und schließlich die Pädagogik, dann täte sie gut daran ihre Perspektive zu erweitern. Es ist ja nicht so, dass andere Sichtweisen nicht auch als Ergänzung oder Korrektur genutzt werden könnten. Gerade solche Bewegungen, wie die anthroposophische können dabei eigentlich nur gewinnen.

Beginnen könnte sie mit der Sprache. Wäre die Anthroposophie an einem ernsthaften Diskurs interessiert, sollte sie dort anfangen, wo Kommunikation und Interaktion beginnt. Solange die Definitionen Steiners durch den Äther wabern, wird ihre Weltsicht abgekapselt bleiben. Als Nischenexistenz wird das vielleicht gut gehen, aber der ganzheitlicher Ansatz ist dann doch schwer zu vermitteln, wenn nur wenige Auserwählte daran partizipieren.

Eine Geheimgesellschaft schottet sich in einem eklektizistischen Bau der Jahrhundertwende ein und betreibt Geheimwissenschaften und versteht die Welt. In dem einen Raum sitzt die Reinkarnation von Thomas von Aquin, in der anderen die von Rudolf Steiner und da, da sitzt Jesus.

Obwohl die Anthroposophie von sich behauptet keine Religion zu sein, stellt sich mir bei meinen Recherchen immer wieder der Glaubensaspekt in den Weg. Steiner gibt das vor, wenn er wiederholt sagt, dass nur jene den Erkenntnisweg gehen könnten, die die inneren Organe dazu ausbilden können. Darauf kann schlechterdings eine Wissenschaft aufgebaut werden. In Kurzform: Eine weitere Chance sehe ich für die Anthroposophie in der Überwindung ihres religiösen Gehabes. Es kann nicht sein, dass eine Bewegung, der es um die Freiheit des Geistes geht sich derart dem Geist ihres Gründers unterwirft. Das ist ungesund. Das führt doch zu einem nicht enden wollenden Blick zurück, immer mit dem Hinweis, der Steiner sei ja seiner Zeit weit voraus gewesen. Das erinnert mich an meinen sechsjährigen Sohn, den ich auf dem Fahrrad ständig daran ermahnen muss, doch bitte nach vorn zu schauen. Tatsächlich ist er schon mal in einen Pfahl gefahren, an dem wir täglich vorbei radeln. Der Pfahl der stand schon lange da.

Also: Bildersturz!

Meine Sicht auf Steiner und sein Werk bezieht die Möglichkeit mit ein, dass er diese Sprache und die Ideen gepflegt hat, um sich aus gängigen Denkmustern seiner Zeit heraus reißen zu können. Wer sich also in seiner Sprache und seinen Ideen aufhält und zudem noch in Verehrung vor Steiner erstarrt, der verharrt in einer Zeit, die nicht die unsere ist. Oder: Steiners Weg zur Erkenntnis führte über mystische Chroniken, meiner übers Internet.

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