Warum kümmert einen das?

Ich habe an anderer Stelle einen Forums-Beitrag gepostet, den ich jedoch inhaltlich auch auf diese Seite sehen möchte. Es ist für mich der Beginn einer Auseinandersetzung mit der Waldorfpädagogik und ihren Kritikern. Menschen wie Herrn Lichte, der seine Berührung mit dem Lehrerseminar in Berlin beschrieben hat und seitdem als Kritiker der Pädagogik, Rudolf Steiners Lehre, vor allem aber des Seminars in Berlin auftritt.  Ich habe den Beitrag etwas korrigiert und ergänzt, aber da der andere noch nicht online ist, denke ich werde ich eine zweite chance nutzen den ordentlicheren Beitrag zu posten.

Warum kümmert einen das?

an einer Stelle [in der Dissskusionsrunde – Anm. nerone] wird Herr Lichte, stellvertretend für alle anderen kritischen Geister hier befragt, warum eine solche Dauerhaftigkeit und Energie in die Auseinandersetzung mit einer Institution gelegt wird, die man eigentlich ablehnt. Nun ich denke, man kann nicht anders, wenn man sich mit Ernsthaftigkeit einer Thematik, wie sicherlich in Lichtes Falle, der Erziehung von Kindern und Heranwachsenden widmen will. Davon gehe ich erst mal aus. Dass nämlich Herr Lichte es durchaus ernst meinte, als er den Lehrerberuf ins Auge fasste. Ich habe seinen Bericht nur auszugsweise gelesen und finde darin tatsächlich Begründung einer Kritik an der Ausbildung, wie er sie erfahren hat. Ob die vorgeführte Kritik letztlich im Ergebnis in eine Verallgemeinerung geführt werden kann, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls bringt eine Verallgemeinerung kaum weiter. Wenn jetzt beispielsweise Realschulen als Amokschulen abgestempelt würden, hätte man nichts wirklich gewonnen.

Die Waldorfpädagogik scheint jedoch gut beraten endlich Reformen an ihrer Basis, den Lehrerseminaren, durchzuführen, wenn die Kritik Lichtes auch nur im Ansatz stimmen sollte (wovon ich mal ganz stark ausgehe). Dazu gehört ein Qualitätsmanagement, dass über geistiges Leuchten hinaus geht. Zu sehr droht die Ausbildung sonst dem einzelnen Lehrer die Verantwortung für den guten Ruf der Waldorfpädagogik – vor allem dem gelingen von der Schulung der Kinder zu überantworten. Lehrer könnten da überfordert sein.

Lichte klingt nicht nach einem frustierten Verlierer, der allen Grund hat sich ins Licht zu rücken oder nach Rache trachtet. Seine Motivation scheint immer von bodenständigen Betrachtungen geleitet zu sein. Man sollte diesen mal, ganz im Sinne „Rudis“ [bezeichnung für Steiners durch einen Schüler imThread – Anm. nerone], unvoreingenommen folgen und gucken „was das mit einem macht“. In mir zum Beispiel wird das Bild unglaublicher Dilettanten evoziert, die Lehre und (persönliche) Verantwortung allein aus einem Werk her ableiten, das hundert Jahre alt ist. Das kann es ja nicht sein. Steiner selbst verlangte Forschung. Aber doch nicht ausschließlich anhand seiner Aussagen. Ich halte das für unmündiges Verhalten. Unvoreingenommenheit, die Steiner ja selbst forderte, bedeutet doch auch Steiner unbefangen zu betrachten. Also auch Waldorfpädagogik unbefangen betrachten. Davon unberührt bliebt sicherlich und muss es auch bleiben, die Arbeit der Lehrer, die die Leser dieses Forums vorbildlich zu der Reife hinführen, die sich ja tatsächlich in mündigen Fragestellungen und offenen Auseinandersetzungen äußern.

Dass die Lehrer an den Schülern therapieren ist nicht mein Erleben. Ich war nicht Schüler, sondern bin als Waldorf-Elternteil überzeugt, dass die von Herrn Lichte gebrauchten Zitate in unserer Schule, an meinen Kindern nicht Grundlage des Umganges mit den Kindern sind. Nichts weist darauf hin. Im Gegenteil, ich bin sogar überzeugt, dass die Lehrer große Teile ihres Steiners schon längst vergessen haben. Vielleicht haben wir auch einfach Glück und die Lehrer, die ich kenne haben nie einen Steiner gebraucht?

Warum kümmert einen das ganze also?
Eine Antwort habe ich ja schon gegeben. Die andere beantworte ich aus meiner persönlichen Warte: Ich wollte klar werden welche Vorwürfe erhoben werden und wie sie beantwortet werden. Mir ging es zunächst um die Vorwürfe Rassismus und Antisemitismus. Ich bin dabei das für mich zu lösen! Das andere ist die Kritik an Waldorf. Als Elternteil muss ich mich auch da vertieft mit auseinander setzten. Das ich das nicht früher tat, lag an den mangelnden Informationen, die ich nun für mich gesammelt habe, aber noch nicht abschließend für mich bewertet habe.

Sicherlich würde ich ruhiger schlafen, wenn die Kritik von Herrn Lichte von den Verantwortlichen für die Waldorfpädagogik zum Anlass genommen würde genauer hin zu sehen, ob die Lehrerseminare und damit die Pädagogik überhaupt noch angemessen vermittelt wird. Andererseits liegt es an der Waldrofbewegung selbst, so wie an der anthroposophischen, ob sie – frei nach Steiner – ein absterbender Zweig reformpädagogischer und geisteswissenschaftlicher Bestrebungen sein wird oder endlich in die harte Arbeit geht und tatsächlich ein Erbe antritt und in der Bude aufräumt. Ich wüsste dass das geschieht, wenn die Verantwortlichen vor laufender Kamera sagen könnten:“ Sehen sie, gerade deswegen haben wir vor,…“ oder, noch gewagter: „Ach Steiner, der ist ja nun schon seit hundert Jahren tot. Nehmen sie doch mal Herrn Lichte zum Beispiel…“

Was die Rassismusdebatte angeht würde mich interessieren, in wieweit die Schüler hier im Forum mir sagen können, ob Steiners Aussagen und Texte im Unterricht kritisch beleuchtet wurden. Gab es eine Beschäftigung mit dieser Fragestellung? Ich halte sie für Schüler ab Klasse Zehn für durchaus lehrreich, da sie das bürgerliche Milieu einer ganzen Epoche ausleuchten kann.

Mit freundlichen Grüßen

marco jansen

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