Was ist Anthroposophie?

Diese Frage habe ich mir bei der Beschäftigung mit dme Thema wiederholt gestellt. Mit dem Mut zur Lücke denkt nerone hier darüber nach. Rudolf Steiner hatte zu der Fragestellung eine Anregung, die ich auf www.anthroposophie.net so beschrieben fand:

„Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muß ihre Rechtfertigung dadurch finden, daß sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Gemüte heraus suchen muß. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet.“ (GA 26)

Interessant finde ich, dass diese Formulierung ja sehr freilassend wirkt. Sie stellt nicht die Anthroposophie als einzigen Erkenntnisweg dar. Sie grenzt allerdings die Zahl derer ein, die diesen Weg beschreiten können (oder besser: sollten?). Schliesslich ist es nicht eines Jeden, zum geistigen im Weltenall geführt zu werden. Allen Sinnsuchenden gleich ist wohl das Herzens- und Gefühlsbedürfnis des Suchenden und so kann man Rudolf Steiners hohen Anspruch verstehen diesem Bedürfnis Befriedigung gewähren zu wollen.

Abschließend folgt die Eingrenzung des Kreises derer, die letztlich die Anthroposophie als Erkenntnisweg zu würdigen verstehen. Womöglich liegt in dieser Gelassenheit mit der alle Anderen ausgeschlossen werden die grösste Provokation. In der Gelassenheit nämlich, sich nur jenen als Erkenntnisweg anzubieten, die Hunger und Durst haben und die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt, aus ihrem Gemüte heraus stellen. Andererseits zeigt sich hierin womöglich der Kern von Steiners Werk. Es ist (womöglich – ich bin noch nicht ganz durch…) nicht als Heilsversprechen konzipiert, sondern als kosmische Theorie, als Weltbild eben. Aus diesem Weltbild heraus leitet sich allerdings, soweit ich das überblicken kann, weder ein missionarischer Impuls ab, noch eine in sich homogene Bewegung mit einer ausgesprochenen einheitlichen Stoßrichtung [hierzu: nerone fragt nach – Wie halten Sie es mit der Anthroposophie, Herr Eggert?]. Viel eher spiegelt sich in der vielfältigen Gruppen- und Nischenbildung innerhalb der Bewegung und an deren Rändern das Potential einer individualisierenden Idee. Ein Jeder kann gehen wohin er will.

2 Antworten

  1. Warum Bildung vorgeben, wo sie nicht ist? Offensichtlich ist diese Auseinandersetzung mit der Anthroposophie für mich der zweite Bildungsweg. So gebe ich jetzt und hier zu: Teleologie – das höre ich zum ersten Mal. Dabei sollte man dankbar sein wie komplexe Inhalte in knappe Worte gegossen werden und ach, heute ist es leicht via Wikipedia dahinter zu kommen:

    „Das Grundprinzip ist die Berufung auf das Ziel der Handlung, dessen Realisierung der Handelnde als Handlungsfolge zusammen mit den anderen Folgen zu verantworten hat. Es wird daraufhin geprüft, ob diese praktischen Folgen (etwa Annehmlichkeit, Nützlichkeit) zur Realisierung eines moralischen Werts beitragen. Das Begründungsverfahren lässt auch Zwischenstufen zwischen gut und schlecht zu.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Teleologisch)

    Unbedingt zu Folgen ist diesem Link, den ich auch via Wikipedia fand: http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/teleolog.htm

    Die Diskussion von Felix Hau werde ich sicherlich kurz betrachten und danke für den Hinweis. Interessanter noch finde ich die Bemerkung zur „dissonanten Diskussion“. Ohne das Haar in der Suppe suchen zu wollen, finde ich darin beispielhaft meine These des hohen Grades an Individualisierung der Idee wieder.

  2. „Kosmische Theorie“ ist gut. Ein geschlossenes Weltbild ist sie sicher nicht, auch wenn es manchmal so wirkt. Andererseits bietet die Anthroposophie außer Fragen schon einen teleologischen Background- sie ist ja nun nicht positivistisch. Sie behauptet, dass die Welt einen Anfang und ein Ende hat, und dass das eine Entwicklungsidee hat. Sie kleidet diese Teleologie in christliches Vokabular, in Bilder und Begriffe. Eine lebhafte Diskussion darüber – ob diese christliche Orientierung tatsächlich ursprünglich anthroposophisch ist- wurde dieses Jahr von Felix Hau angestossen. Die völlig dissonanten Diskussionen daraufhin zeigen lediglich, dass Anthroposophie von ihren Vertretern nicht einmal im Kern einheitlich verstanden wird. Das fängt alles gerade mal an.

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: