Das mit dem Fussballspielen

In die Reihe gängiger Vorurteile gegenüber den Waldorfschulen gehört der Verdacht die Schulen würden sich gegen Fußball aussprechen. Wahrscheinlich, so munkeln die die davon in Waldorfkreisen gehört haben, aus gewissen pädagogischen Gründen oder weil, das solltest du mal bei Steiner nachlesen. Das hat dann mal einer gemacht. Der heißt zwar Effenberg, hat aber mit Fussball nichts am Hut. Bei seiner Recherche findet Effenberg manches von Steiner aber weniges, was eine Absage an diesen speziellen Sport belegen würde. Viel eher scheint es dem Autor als wäre Steiner generell kein Freund von Sport (bei seinem Lebenswandel) vergehe aber auch nicht in ständsiger Feindschaft gegenüber der sportlichen Betätigung. Ich denke eher Steiner war den Leibesübungen indifferent gegenüber, weil er zum einen keinen persönlichen Gewinn daraus zog, noch Vorteile in deren Betätigung für die (ver-) geistigte Welt sah. In diesem Zusammenhang konstatierte Steiner in England :

„Er (der Sport) hat nicht den großen Wert für die Entwickelung; er hat nur einen Wert, weil er eben eine beliebte Mode ist, und man soll durchaus das Kind nicht zum Weltfremdling machen und es von allen Moden ausschließen. Man liebt Sport in England, also soll man das Kind auch in den Sport einführen.“ (Rudolf Steiner, GA 311, S. 139f)

Da war ich nun aber baff! Ich dachte immer der Kerl sei ein Radikaler, ein Guru, eine Lichtgestalt, abgehoben und so weiter und so fort. An dieser Stelle also mal etwas Erfreuliches, frei nach dem Motto, wenn alles andere Anthroposophie ist, dann ist es wohl diese Aussage auch!

Dann beschreibt Effenberg wie sich um 1955 ein Erzpädagoge ins Bild schieb: Rudolf Kischnick, seines Zeichens Waldorfsportlehrer. Und hier finden wir dann die abstrusen Ideen von dem Symbol des Kosmos das mit den Füßen getreten wird und vieles mehr. Und schließlich kommt Effenberg zu dem Schluß:

„Das alles wäre ja nicht so schlimm, wenn es sich hier nur um die ungestillte Sehnsucht eines einzelnen Herrn nach ein bißchen Geist handelte. Leider aber hat sich an den meisten Waldorfschulen nicht Rudolf Steiner mit „daß man das Kind nicht weltfremd machen soll“, sondern Rudolf Kischnick mit seinem „dämonischen Niederschlag“ durchgesetzt. Verschwörungstheorien üben halt immer eine Faszination aus, und wenn sie wie in diesem Fall so hübsch mit Totenschädeln und Dämonen garniert sind, läßt einen das wohlige gänsehauterzeugende Erschauern scheinbar die pädagogische Vernunft und auch die Vorgaben von Rudolf Steiner vergessen.“

Interessant an diesem Artikel ist für mich wiedermal die Sammelleidenschaft von Steiners Anhängern und der damit verbundenen Lippengläubigkeit. Soweit ich mich entsinne waren manche gesprochene und aus Mitschriften überlieferte Inhalte nicht zur Dokumentation von Steiner selbst vorgesehen. Das wir uns an dieser Stelle womöglich solcher Aussagen bedienen ist natürlich der Treppenwitz meiner folgenden Hypothese: Es scheint mir das Steiners Jünger in allem was er sagte soetwas wie Erleuchtung suchten, ohne dass Steiner selbst das intendierte. Sätze die in Gesprächen oder Diskursen womöglich lediglich den Charakter der Hypothese oder eines Gedankenentwurfes haben, lassen ganze Lawinen an Shclussfolgerungen möglich werden, gerade weil sie Widersprüchlichkeiten aufzudecken scheinen – oder es auch tatsächlich tun.
Ein Fundus für abwegigen Begründungen zu Steiners „Meinungen“, seinem Weltbild und seinem Denken, die man zwischen die Zeilen seiner Schriften packt. Das gilt sicherlich für sowohl für seine Anhänger, wie für seine Gegener. Die Anthroposophie bietet sich womöglich gerade dadurch als Projektionsfläche an.

Mir fällt allerdings auf, dass die anthroposophischen Diskurse, die ich bisher nur angerissen habe, sich selbst auf das berufen was Steiner gemeint haben könnte, nicht aber auf das was er tatsächlich gesagt hat. So ist die Antisemitismus und Rassismusdebatte zu Steiners Aussagen – wenn von Anthroposophen geführt – m.E. nicht selten ein Rückzug auf Interpretationen seiner Meinung, nicht seiner Aussagen. Selbst die von Ralf Sonnenberg verfasste Studie, die Rudolf Steiner in den zentralen Punkten weitestgehend entlastet, wird von Herrn Hardorp mit einer Replik beantwortet, die Argumente neben den Aussagen Steiners sucht.

Übrigens wird bei uns an der Schule gekickt bis die Näte platzen. Die Kinder haben sich auf dem Schotter an die Klassentermine zu halten, so dass keine Klasse zu kurz kommt. Die alten fußballbegeisterten Herren, Väter, Lehrer, etc., denken des Winters nur daran die Halle zu wechseln, weil ihre Knochen den weichen, modernen Hallenboden der benachbarten Sportanlagen dem der eigenen Halle aus gesundheitlichen Gründen bevorzugen. Offenbar scheint die Zeit doch Veränderung zu bringen.

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