Die Sicht Steiners zu den Themen seiner Zeit

Der Frage nach Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners ist Ralf Sonneberg im Jahre 2004 nachgegangen und vor ihm womöglich schon andere. Sonnenbergs Studie zeichnet sich zunächst einmal dadurch aus, dass sie kritisch distanziert wirkt. Er erläutert zentrale Aussagen Steiners zu den Themen rund um den Antisemitismusvorwurf biografisch und stellt sie auch in den gesellschaftlichen Kontext jener Zeit. Wichtigstes Ergebnis der Schrift ist sicherlich die Feststellung, dass Steiner in dem Sinne nicht ein Antisemit oder Anhänger antisemitischer Gedanken war und er im Gegenteil die Persönlichkeiten, Bewegungen und politischen Gruppierungen, die den antisemitischen Schmähungen anhingen selbst scharf verurteilte. Wohl wandte sich Steiner in scharfen Worten gegen den Zionismus und deren führende Persönlichkeiten: Dies erklärt Sonneberg aus der ablehnenden Haltung Steiners gegenüber allen nationalistischen Bestrebungen seiner Zeit. Steiner lehnt diese nicht zuletzt auf Grund seiner theosophisch/anthroposophisch basierenden Weltsicht ab.

Sonneberg beleuchtet in „War Rudolf Steiner ein „völkischer Antisemit“? Kritischen Kurzbiographie und Resümee“ nochmals abschließend den Rassismusvorwurf gegenüber den Lehren Steiners. Hierzu heißt es:

Als rassistisch muss aus heutiger Sicht Steiners Versuch gewertet werden, biologische „Rassen“ mit dem Grad der mentalen „Entwicklungsreife“ ihrer Angehörigen zu korrelieren und somit eine Hierarchisierung von Menschengruppen spirituell zu begründen, deren unterste Sprossen den – aufgrund ihrer physischen „Degeneration“ zum Aussterben verurteilten – Indianern sowie den von „Trieben“ und „Witterungen“ dominierten „Negern“ vorbehalten bleiben. Die „arische“ oder europäische hielt Steiner für die „zukünftige, da am Geiste schaffende Rasse“. […]Die rassistischen Implikationen dieses Stufenmodells hoffte Steiner durch eine eigentümliche esoterische Dialektik einzuholen, die er seinen rassenkundlichen Erörterungen vorschaltete: Die Reinkarnationsfolgen der menschlichen Individuen führten demnach durch die verschiedenen biologischen „Rassen“ hindurch, so dass, „obgleich man uns entgegenhalten kann, dass der Europäer gegen die schwarze und die gelbe Rasse einen Vorsprung hat, doch keine eigentliche Benachteiligung“ bestehe.

Ich empfehle an dieser Stelle explizit dem Link zu dem Originaltext zu folgen. Er geht in seiner Gesamtheit differenzierter und vertiefter mit dem Vorwurf um, als ich das hier leisten kann. Zudem findet im Text eine interessante Auseinandersetzung mit der Position eines anderen Historikers und Anthroposophiekritikers -Helmut Zander- statt.

Der Autor [Helmut Zander] verortet die Entstehungsgeschichte der theosophisch-anthroposophischen Bewegung im Spektrum völkischer Sondergemeinschaften, wie sie sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum zu formieren und in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zu konsolidieren begannen.

Der Diskurs innerhalb der anthroposophischen Kreise
Detlef Hardorp rezensiert Sonnebergs Studie in einem Artikel der anthroposophischen Zeitschrift „die Drei 12/2004“ (S. 54 ff). „Der Aufsatz sei lesenswert“, so Hardorp, „auch wenn manche Anthroposophen einige Passagen als zu distanziert empfinden werden.“ Interessant ist auch dieser Artikel, da er zeigt, wie weit sich die Klaviatur der Interpretationsmöglichkeiten erweitern und bespielen lässt. Hardrop betont in seinem Text wiederholt:

[…] Die Stelle ist deswegen schwierig, weil gleich an mehrere Stellen unklar bleiben, was Steiner gemeint haben könnte.
[…] Inwiefern das auch die Auffassung des jungen Steiners war, wird wohl umstritten bleiben, da die frühen Äußerungen verschiedene Deutungen zulassen.

Zwar lässt der Autor Sonnenbergs Lesart der Geschichte stehen, kehrt aber immer wieder auf die Fragestellung zurück was Steiner mit seinen Aussagen gemeint haben könnte. Er bewegt sich auf der Suche nach alternativen Deutungen zwischen historischen und anthroposophischen Zusammenhängen, es gelingt ihm allerdings m.E. nicht die Argumente Sonnebergs nachhaltig zu wiederlegen. Ralf Sonneberg, so stellt auch Hardrop abschließend fest, „habe die Äußerungen des jungen Steiner in den Kontext des damaligen politischen Diskurses eingeordnet.“ Die Studie des Historikers und Religionswissenschaftlers Sonnenbergs, die Steiner in einen historischen Kontext stellt, begrüßt Hardrop jedoch ausdrücklich.

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