Rechtfertigung der Unvollständigkeit

Ein Problem bei der Auseinandersetzung mit Teilaspekten einer Weltanschauung, Religion, Idee oder Philosophie, wie auch immer man es nenne wollte, ist doch, dass man immer nur diesen einen Teilaspekt beleuchten kann. Vor allem, wenn man so wie ich, nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, sondern versucht das Thema anhand der Zusammenfassungen und Meinungen Dritter (Sekundärliteratur), neben der fragmentarischen Lektüre der Originale zu einer eigenen Meinung zu gelangen. Kritiker dieser Kritik (also der eigenen Meinung), die auf dem vorher beschriebenen Weg entsteht, werden immer auf andere und nochmals andere Aspekte und Äußerungen verweisen können, die man nicht gelesen hat und/oder nicht bedacht hat.

Gerade Rudolf Steiner hat es seinen Interpreten schwer gemacht, sowohl den wohlwollenden, wie den kritischen; seinen Jüngern und seinen Feinden. Er hat soviel geschrieben und gesagt und scheinbar alles wurde gesammelt und archiviert (was hat Steiner eigentlich über diese Sammelwut gesagt?), dass eine fundierte Kritik wohl erst nach dem Studium aller seiner Schriften Gültigkeit zugesprochen würde. Das ist allerdings auch mit Rücksicht auf sich selbst und den eigenen Weg nicht leistbar. Da die eigene Entwicklung ja nicht einfach so in den Wind gehangen wird, lässt man nicht bereitwillig den eigenen Diskurs links liegen und folgt dem eines Anderen, dessen Überzeugungen zumindest mit Skepsis (auf Grundlage eigener Überzeugungen) betrachtet werden. (Ich empfehle jedem bei sich zu bleiben. Aus der eigenen Perspektive lässt sich Anderes erst begreifen und tolerieren. Meine „Seele“ würde schaden nehmen, wenn mein Verstand ihr bestimmen würde dieses oder jenes (z.B. aus Steiners Lehren) mal einfach als gegeben hinzunehmen, um den großen Wurf eines anderen Denkers zu verstehen.)

Jetzt ist es so, dass mir im Streitgespräch nahe gelegt wurde, ich könne mich doch nicht wirklich auf eine Stufe mit einem Generalisten und Denker wie Steiner (oder andere) es  war, stellen. Natürlich kann ich mich vor einemGesamtwerk, wie es Steiner hinterlassen hat,  nur verneigen. Auch ist sein Denken sicherlich von hohem Wert. Allein – und das sage ich in aller Bescheidenheit – weder seine Sprache noch sein Denken reizt mich, das sei mal so ganz emotional dahin gesagt. Warum? Weil ich lieber anderen Denkern folge. Gern auch lebende Anthroposophen, zum Beispiel, die mir sehr lebensnah ihre eigenen Erkenntnisse darstellen ohne sich an Steiner abzumühen oder mit ihrem Reden und Handeln Vorbild sein können (als Menschen wohlgemerkt, nicht akls Anthroposophen). Oder aber weil ich lieber denen folge die Fühlen. Oder weil ich frei nach Steiner, die notwendigen Organe nicht ausgebildet habe um die Geisterwelt zu schauen. Was interessiert mich die Akascha-Kronik? Ich denke nicht, dass ich mit jemanden der darin gelesen hat über Charles Bukowski oder Philip Roth und Pornographie streiten könnte. Das Vorgenannte aber nur mal so, als Versuch einer Abgrenzung.

Da ich nun anerkennen muss mich nicht auf eine Stufe mit den großen Denkern stellen zu können; da ich auch eher trivialen Erkenntnissen auf Grundlage erdgebundener Erfahrungen folge, fühle ich mich frei zu sagen: Ich bin genau da wo ich hingehöre. Ohne Ehrgeiz – gefangen im Materialismus und Individualismus unserer Zeit sicherlich, aber weitestgehend frei zu denken, was ich denken kann und will.

Eine Antwort

  1. Hallo Marco. Dennoch bemerke ich mit Erstaunen, dass Du schon dabei bist, Dich zu rechtfertigen. Das ging dann doch ziemlich schnell. Wenn du Steiner nicht im Original lesen willst, könntest Du es ja vielleicht mal mit Steiner-Lexika (Stichpunkte) versuchen. Ich bring Dir mal was mit, wenn wir uns sehen sollten. Allerdings ist Steiner ohne Kontext ein Anlass für Missverständnisse ohne Ende. Vor allem, weil er nicht mal seine eigenen Begriffe konsistent benutzt. Ich finde übrigens nicht, dass man sich durch 365 Bände GA arbeiten muss, um einen Zugang zu Steiner zu finden. Solcherlei „Schriftgelehrtentum“ führt doch zu nichts. Mich persönlich würde aber auch das Lesen nur von seinen Interpreten auch nicht befriedigen. Aber Anderes aufgeben wegen Steiner? Nie im Leben. Ich liebe Literatur. Ich möchte quer lesen, alles mögliche. Bloss keine Monokulturen.
    **
    Michael

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