Beweggründe

Wie immer ging es von einem Gespräch auf dem Schulhof aus, beim Abholen der Kinder. Es sei ein Bericht im Fernsehen gelaufen. Ausgeglichen, wie es scheint. Nun in der Bloggosphäre wird der Bericht differenziert besprochen. Will heißen: Die einen haben gute Gründe ihn in den Himmel zu loben, die anderen gute Gründe ihn in die Hölle zu verbannen. Ich hatte das mal wieder verpasst. Schade. Wie auch immer die Darstellung war, ich muss mich zwischen die Kombattanten stellen und beobachten wie sie sich mit Gift und Galle bewerfen und komme in meiner Meinungsbildung nicht wirklich weiter.

Ich wünschte mir ein wirklich differenziertes Bild der Schulform, die ich meinen Kindern angedeihen lasse. Tatsächlich ist es ja nicht so als hätte ich Grund zur Beschwerde. Meine Kinder fühlen sich wohl, ich erlebe das was die inquisitorischen Kritiker der Waldorfszene beschreiben einfach nicht. Ich habe das in meinem Umfeld an der Schule nicht erlebt, dass es zu rassistischen, antisemitischen Äußerungen kam, beispielsweise. Auch kann ich die Tendenz nirgends feststellen.

Das es weltanschauliche Anteile in der Lehre gibt habe ich durchaus schon festgestellt und : Ja – es irritiert mich, dass den Kindern das so vermittelt wird. Zum Glück haben wir allerdings eine junge, bodenständige Lehrerin in der Klasse unsererälteren Tochter, die sich zwar der Bilder bedient allerdings nicht lange darauf rumreitet und zudem die Eltern informiert und darauf hinweist, wann und wie sie die Kinder mit eben diesen Steinereien konfrontiert. Dennoch bleibt mir ein fader Beigeschmack weil meine Welt sich aus anderen Atomen zusammensetzt als die „Geisteswelt“. Ich leide ja schon dann unter Bauchschmerzen, wenn ich mich den lyrischen Konstrukten der Zeugnissprüche oder sonstiger Sprüchlein aus Jahresheften und ähnlichem ausgesetzt sehe. Kampflos ergebe ich mich meist schon nach wenigen Zeilen Steiner, dessen Prosa auf mich so attraktiv wirkt wie eine Seance bei meinem Zahnarzt.

Aber nein, das ist nicht wahr – in letzter Zeit bin ich langatmiger geworden. Einerseits will ich denen entgegentreten können, die behaupten ich würde mich von grobschlächtigen Rassisten, Antisemiten und Altnazis einlullen lassen, die zudem das sektiererisch-esoterische und mystisch-durchwirkte Ansinnen einer arischen Herrenrasse verfolgten.

Andererseits reicht mir auch nicht der lapidare Verweis auf die Zeit in der R. Steiner seine Texte verfasste oder das gar Zusammenhänge nicht berücksichtigt würden. Das ist ein Ausweichen, das ich unzulässig finde. Da ich noch nicht genug gelesen habe, sondern nur vom Hörensagen und im Netz Dingen nachgegangen bin und das auch nur oberflächlich, kann ich derzeitig nur Grundlegende Überlegungen anstellen und Gedanken a priori formulieren, ich bitte das zu entschuldigen. Tatsächlich richtet sich mein Blick als erstes nach Innen, also in die Gruppe der Waldorfianer und Anthroposophen hinein. Mich interessiert der Vorwurf dritter nur marginal (Die Verlinkung nach http://www.antisemitismus.net allerdings folgt nicht dem gerade formulierten Desinteresse, nur um das klar zu stellen. Der Artikel ist im Gegenteil wegen seines objektivierenden, kritischen Ansatzes lesenswert. Ich werde mich später damit eingehender befassen.) . Ich nehme ihn allenfalls als Hinweis aber nicht für bare Münze. Nur in uns selbst liegt ja die Kraft Dinge anzuschieben, zu verändern.

Allerdings erkenne ich in dem äußeren Druck auch ein Versäumnis anthroposophischer und waldorfer Kreise, die scheinbar nicht in der Lage waren (sind?) die immer wiederkehrenden Vorwürfe so zu beantworten, dass auch für folgende Elterngenerationen und Generationen von Schülern und junger Anthroposophen ein abschließende oder falls notwendig andauernde Betrachtung und Überprüfung der eigenen Geisteshaltung angeboten werden kann.

Im Grunde kennen wir Deutschen doch diesen Prozess. Es ist genau dieser Binnenblick der Vertrauen bei den europäischen Nachbarn und bei den jüdischen deutschen Gemeinden aufbaute. Neuerlich erst macht die Friedrich-Ebert-Stiftung deutlich, dass zwischen 15 und 20 % der Westdeutschen antisemitische Ressentiments hegen. Das sind wir hier! Das die Gemeindemitglieder dennoch bleiben und hoffentlich die Gemeinden wachsen liegt womöglich daran, dass der Staat, die Politik und eine noch ausreichend großer Teil der Zivilgesellschaft (noch so eine Hoffnung von mir!) eine ungeschriebene Garantie für den Schutz der Gemeinden übernehmen kann.

Die Zahlen auf der einen Seite, die deutsche Geschichte auf der anderen könnten doch Grund genug sein den Binnenblick zu wagen. Die Geschichte unserer Demokratie ist auch die Geschichte einer Öffnung gegenüber den schmerzlichen Fragen zum Zeitgeschehen. Daraus erwuchs dann Vertrauen. Das ist doch ein positivistischer Ansatz? Warum sollte man das nicht wagen? Die Zahlen der Umfrage wiederum möge man als Mahnung nehmen. In diesen Zahlen steckt jeder einzelne mit drin – mich eingeschlossen. Sie spiegelt letztlich die Unkenntnis gegenüber der jüdischen Kultur die uns hier verloren gegangen ist und uns Nachkommen zerstört wurde, sowie der leichtfertigen Übernahme althergebrachter Ressentiments, die immer noch an Verschwörungstheorien und Schlimmeren festhalten. Wie schnell beispielsweise verweist man, das Cocktailglas in der einen Hand, die aufgespießte grüne Olive in der anderen, auf die Verbindungen zwischen der amerikanischen Politik und den Interessen der Juden. Na – schon gemerkt? Wo geht so ein Gespräch wohl hin, oder was bleibt übrig und wo kommt der Impuls her?

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Eine Antwort

  1. Manchmal macht es Sinn zurück zu blicken. Hier stelle ich einen Artikel (Uehli und wie weiter?) von Michael Eggert in der Zeitschrift Info3, im Jahre 2000 veröffentlicht, hinten an. Es geht um ein umstrittenes Schulbuch. Es geht um die Kritik innerhalb einer anthroposophischer Bewegung und anthroposophisch Interessierter. Es geht um die Aufarbeitung anthroposophischen Vokabulars und seinem Bewusstsein.

    http://www.info3.de/ycms/news_276.shtml

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